Aufsatz 
Neues vom Schöpfungsakt : Utopien und Dystopien hinsichtlich einer Sexualität von morgen / Christian Stadelmann
Entstehung
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Neues vom Schöpfungsakt

wie die Kunstgeschichte stetsgnädig mit besonderen sexuellen Neigungen der Künstler umgegangen ist, auch wenn solche generell als abartig galten und moralisch im höchsten Maße verfemt gewesen sind.

Aus der Schmuddelecke

Dem Beispiel von Oskar Kokoschka ist hier deshalb breiterer Raum gewidmet, weil es drastisch wie kein anderes die Diskrepanz zwischen Erwartungshaltung und Umsetzungsmöglichkeiten aufzeigt. Diese wird anhand derSexroboter noch ausführlich thematisiert werden.

Zunächst aber soll es noch um eine andere Diskrepanz gehen. Schon in den historischen Beispielen - seien es diedames de voyage, die Sennenpuppen oder die Puppe, die Kokoschka sich vorgestellt hat - ist das Verhältnis unklar, das die handelnden Männer zu den weiblichen Puppen gehabt haben. Man kann davon ausgehen, dass jene zwar um der Lustbefriedigung willen hergestellt be­ziehungsweise in Auftrag gegeben worden sind - dies aber vielleicht nur indi­rekt und beileibe nicht nur. Zum Thema werden dabei jedenfalls die Wünsche, die Männer an Frauen (umgekehrt kennen wir nur sehr wenige Beispiele) richten und die Vorstellungen, die sie vom Idealbildihrer Frau haben. Und allen bisher aufgezählten historischen Fällen gemeinsam ist die Gewissheit der handeln­den Männer, dass dieses Idealbild leibhaftig nicht zur Verfügung steht. Das hat vorderhand noch nichts mit einem Machtverhältnis zu tun, aber in aller Regel läuft es genau darauf hinaus, wenn eine Frau, die vormals womöglich als Ideal angesehen worden ist, dieses nicht zu erfüllen vermag. Die mediale Diskussion, wie sie vor allem im vergangenen Jahrzehnt umSexroboter geführt worden ist, legt nahe, dass die Phantasien neu entfacht worden sind. Offenkundig ist das dem technischen Fortschritt der vergangen Jahrzehnte geschuldet. Vielleicht - so die Vorstellung (oder zumindest die Erwartungshaltung) - wird es nunmehr tatsächlich eine Lösung für das Pygmalion-Problem geben.

Egal, ob für einenSexroboter 3000 oder an die 30.000 Euro bezahlt werden müssen, wie dies für avancierte Modelle auch schon in Aussicht gestellt worden ist: In sogenannten MGTOW-Foren (steht fürMen Going Their Own Way) werden diese Kosten ins Verhältnis zu denen für eine gescheiterte Ehe gestellt. Den Aufwand für Hochzeit und Scheidung mit eingerechnet wird eine solche mit etwa 50.000 Dollar beziffert. Er ist demnach in jedem Fall höher als der für einen

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