Christian Stadelmann
„Sexroboter“. 26 Dann aber hat man seine Ruhe. Solche Argumente werden nicht nur als Gründe dafür vorgebracht, sich einen Roboter anzuschaffen, auch den Kauf einer technisch vergleichsweise wenig anspruchsvollen Sexpuppe recht- fertigen sie. „Die Mädels hier sind mir lieber“ wird in der FAZ ein Mann zitiert, der nach eigener Aussage mit Frauen schlechte Erfahrungen gemacht hat. Seine Verlobte habe ihn kurz vor der Hochzeit betrogen. Aber seine „Dolls, die sehen gut aus, die sind immer da, die enttäuschen einen nicht, widersprechen nicht und machen die Sachen mit, die man so will.“ 27 Die vorgetragenen Argumente für eine Beziehung zu einer Sexpuppe beziehungsweise einem „Sexroboter“ anstelle einer Frau spiegeln einerseits irritiertes Selbstbewusstsein und erlebte Kränkungen der Protagonisten wider und sind andererseits Beleg für die Begeisterung darob, dass man mit dem geringstmöglichen emotionalen Aufwand bei gleichzeitig größtmöglichem Technikeinsatz seine Sexualität ausleben kann. Ausgehend von der Stigmatisierung, wie sie nicht nur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu beobachten ist, sondern im Grunde genommen bis zu dessen Ende, zeigt dieser offensive Umgang mit dem Thema einen Paradigmenwechsel an, der einer Erklärung bedarf. Warum, so die Frage, redet man heute sehr offen über Sexpuppen und ist bedingt auch geneigt, diese als gesellschaftliches Phänomen zu akzeptieren, während das ganze Thema bis um die Wende zum 21. Jahrhundert hochgradig tabuisiert gewesen ist. Drei Faktoren werden dafür namhaft gemacht 28 : Erstens sind die technische Entwicklung und die Materialien so weit fortgeschritten, dass scheinbar wirklichkeitsnahe Puppen hergestellt werden können. Mit ordinären aufblasbaren „Gummipuppen“ haben diese hier nichts mehr gemein. Unmittelbar aus dem Beispiel der MGTOW- Foren leitet sich, zweitens, ab, dass sich Neigungsgruppen bilden, in denen die Beteiligten Selbstbewusstsein erlangen und einen offensiveren Umgang mit ihrer Leidenschaft pflegen können. Insgesamt hat sich auch die Toleranz gegenüber unterschiedlichen Spielarten der Sexualität in den vergangen 20 Jahren sehr stark verändert. Warum sollte ausgerechnet diese Form der Agalmatophilie eine Ausnahme davon machen? Schädigende Auswirkungen auf andere Personen lassen sich unmittelbar nicht erkennen. Drittens, schließlich, ist die Hemmschwelle beim Kauf einer Puppe via Internet deutlich herabgesetzt worden. Man
26 Vgl. Brian Smith: The Men Committed to Replacing Women With A.I. Sex Dolls, https://melmagazi- ne.com/en-us/story/the-men-committed-to-replacing-women-with-a-i-sex-dolls-2 (11.10.2020)
27 Katrin Hummel: „Die Mädels hier sind mir lieber“, in: FAZ Net, 19.2.2020, https://fazarchiv.faz.net/
document?id=FAZN_20200219_6599478#start (9.8.2020)
28 Heßler, Sternagel, siehe Anmerkung 12, hier S. 373.
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