Aufsatz 
Neues vom Schöpfungsakt : Utopien und Dystopien hinsichtlich einer Sexualität von morgen / Christian Stadelmann
Entstehung
Seite
99
Einzelbild herunterladen

Neues vom Schöpfungsakt

muss vorderhand also nicht ernsthaft nachgedacht werden. Ähnliches gilt für das Innenleben eines_einer adäquaten humanoiden Gefährten_Gefährtin. We­der für eineabsehbare Zeit noch für einenahe Zukunft wird uns hier von der Bionik etwas in Aussicht gestellt. Und so dürfte auch der 2019 erschiene­ne Roman von lan McEwanMaschinen wie ich, der bereits viel rezipiert und zitiert worden ist, weit mehr Science Fiction sein als er seinen Rezipientjnnen glauben machen möchte. Immerhin aber kommt darin der schöne Satz vor:Wir hatten noch keinen Roboter gebaut, der sich bücken konnte, um einem alten Mann die Schuhe zu binden, hegten aber bereits die Hoffnung, dass unsere Schöpfungen ihre Schöpfer erlösen würden. 88

Weiche Technik!

Unbeschadet aller Einwände ist offenkundig, dass es einmal mehr in der Ge­schichte der Automaten und Androiden gelingt, die autosuggestiven Kräfte der Menschen zu mobilisieren. Eigentlich wissen wir sehr genau, dass es sich bei diesen Puppen um Geräte handelt, die mit den derzeit verfügbaren technischen Mitteln gefertigt sind und ebenso wenig mit menschlichen Organismen zu tun haben wie die Automaten des 18. und 19. Jahrhunderts. Bereits bei derOrga­nistin" von Pierre Jaquet-Droz aus den 1770er-Jahren hob und senkte sich die Brust, während sie in Betrieb war. 89 Ebenso wie damals wollen wir auch heute daran glauben, dass die Entwicklung des technik-geborenen Menschen ge­lungen ist - oder dessen Gelingen jedenfalls unmittelbar bevorsteht. Tatsächlich gibt es immer wieder Momente in der Geschichte, die Bewegun­gen anstoßen, wie man sie vormals nicht gekannt und nicht geahnt hat. Für das Phänomen der Sexpuppen dürfte so ein Moment wohl der Beginn des 20. Jahrhunderts gewesen sein, als die erotisch konnotierten Gummipuppen auf­gekommen sind. Ansatzweise haben wir das hier nachverfolgt.

Offen ist aber noch die Frage, was in jüngster Zeit den Anstoß dazu gegeben hat, dass sich die menschliche Imaginationskraft Sexroboter herbeidenkt, wie sie dies bis vor kurzem nur ansatzweise und jedenfalls ganz anders versucht hat. Der Erklärungsansatz der hier angeboten werden kann, ist noch wenig belegt, zumal unter der verwendeten einschlägigen Literatur nur sehr spärlich Hinweise darauf gegeben werden. Aber ich behaupte, dass es nicht die inhärente Technik

88 lan McEwan: Maschinen wie ich und Menschen wie ihr. Zürich 2019, S. 1 22.

89 Vgl. Caetano da Rosa, siehe Anmerkung 85, S. 104 u. 105 und siehe https://www.youtube.com/ watch?v=WofWNcMHclO, Minute 6:40 (26.8.2020)

99