Aufsatz 
Präsenstechniken und ihre Spuren : Zur soziologischen Vergegenwärtigung von Zukunft / Tilo Grenz
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Präsenstechniken und ihre Spuren

Modellbildung und verstehender Zugänge. 3 Die Zukunftsfrage ist ebenso ein Thema bei der Grenzziehung zu anderen Disziplinen oder Bereichen wie etwa zur Trend- oder Zukunftsforschung. 4 Diese Debatten sind eng verknüpft mit er­kenntnisbezogenen Annahmen, die sich zwischen sogenannten erklärenden und verstehenden Ansätzen auftun, die sich wiederum um eine intensive Diskussion zum Verständnis von Theorie als entweder historisch oder ahistorisch heften. Das ambivalente Verhältnis der Soziologie zur Zukunft rührt aber auch daher, dass in das Fach anthropologische Vorannahmen eingestrickt sind, die die So­zialität des Menschen in dessen Fähigkeit und Gezwungenheit zur Zukunfts­orientierung verankern: Im Verstände der philosophischen Anthropologie ist der Mensch ein Mängelwesen 5 , der um seine Mängelhaftigkeit weiß und dahervor­greifende Anpassung unternimmt, dem unabweisbarenAppell zur .Verbes­serungsbedürftigkeit 1 folgend. 6 Pointiert artikuliert Reinhart Koselleck im An­schluss an Immanuel Kant: 7Der Mensch als weltoffenes Wesen, genötigt, sein Leben zu führen, bleibt auf Zukunftssicht verwiesen, um existieren zu können. Die empirische Unerfahrbarkeit seiner Zukunft muss er, um handeln zu können, einplanen. Er muss sie, ob zutreffend oder nicht, voraussehen.

Von elementarer Bedeutung ist der Zukunftsbezug auch in der mundan-phä- nomenologischen Fundierung der Soziologie, die Alfred Schütz im Zwischen- kriegs-Wien der 1920er-Jahre entwickelte, diskutierte und in seiner einzig zu Lebzeiten erschienenen MonographieDer sinnhafte Aufbau der sozialen Welt 8 vorlegte. Schütz ist zentraler Wegbereiter der interpretativen Methodologie der Soziologie und Basisdenker der neueren Wissenssoziologie. Peter L. Berger und Thomas Luckmann setzen in ihrem breit referenzierten WerkDie gesell-

3 Alexander Bogner: Gesellschaftsdiagnosen. Ein Überblick. Weinheim, Basel 2015; Fran Osre- cki: Die Geschichte der Gegenwartsdiagnostik in der deutschsprachigen Soziologie, in: Stephan Moebius, Andrea Ploder (Hg.): Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie. Wies­baden 2017, S. 115-130; Hitzier, Radenhauer, Gegenwärtige Zukünfte, siehe Anmerkung 1; Christian Dieckhoff: Modellierte Zukunft: Energieszenarien in der wissenschaftlichen Politikbe­ratung. Frankfurt am Main 2015.

4 Michaela Radenhauer: Wie forschen Trendforscher? Zur Wissensproduktion in einer umstritte­nen Branche, in: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research Volu­me 5(2) (2004), Artikel 36, online unter: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:011 4-fqs0402366 (14.2.2018)

5 Arnold Gehlen: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, in: Karl-Siegbert Reh­berg (Hg.): Arnold Gehlen. Gesamtausgabe. Der Mensch, Band 1, Frankfurt am Main 1986; Peter L. Berger, Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt am Main 1969.

6 Hans-Georg Soeffner: Vorgreifende Anpassung. Zum Umgang mit dem Wissen um das mensch­liche Genom, in: Hitzier, Radenhauer, Gegenwärtige Zukünfte, siehe Anmerkung 1, S. 238.

7 Reinhart Koselleck: Zeitschichten. Studien zur Historik. Mit einem Beitrag von Hans-Georg Ga- damer. Frankfurt am Main 2003, S. 237-243, hier S. 205.

8 Alfred Schütz: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Frankfurt am Main 1974 (erstmals in Wien 1932).

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