Tilo Grenz
schaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ 9 exakt bei den von Schütz elaborierten Prämissen der Sinnkonstitution in der sozialen Welt an. Der Einfluss der mun- danphänomenologischen, also gleichsam diesseitigen Erkenntnistheorie und der mit ihr vorbereiteten „handlungstheoretischen Wende in der Soziologie“, 10 wird oftmals auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts datiert. Er wurzelt aber in erheblicher Weise in den kommunikativen Wissenskulturen der Diskussionszirkel, Kreise und Privatseminare der Wiener Zwischenkriegszeit. 11 Alfred Schütz, von Hause aus Bankjurist, war durch Felix Kaufmann 12 auf die Schriften des Phänomenologen Edmund Husserl aufmerksam gemacht worden. Der bekannte Nationalökonom Ludwig von Mises brachte Schütz im Rahmen seines „Privatseminars“, dessen Teilnehmer handverlesen waren, auf die Lektüre Max Webers, einem der drei .großen * 1 Gründerväter der deutschsprachigen Soziologie. Schütz beabsichtigte, durch eine gezielte Fundierung des Begriffs des „sinnhaften Handelns“, den Weber zum zentralen Grundbegriff der Soziologie erhoben hatte, 13 einen seines Erachtens dringend notwendigen Fundierungsbeitrag zur Bestimmung der Soziologie als eigenständige Disziplin zu leisten.
Im Werkaufbau der „Gesellschaftlichen Konstruktion“ Bergers und Luckmanns, die ihrerseits Schüler von Alfred Schütz waren, kommt die „Grundannahme [zum Ausdruck], dass alle gesellschaftlich konstruierte Wirklichkeit aufruht auf der subjektiven Orientierung in der Welt und dem sinnhaften Aufbau der sozialen Welt.“ 14 Wenn dabei von .Orientierung 1 die Rede ist, so ist damit auf Zukunft bzw. auf den Zukunftsbezug als ein integrales Strukturmoment des Handelns verwiesen. In seinem Vollzug ruht Handeln auf einem - mal reflektierten, meist verinnerlichten - Entwurf auf (Handlung), mit dem ein in der Zukunft als
9 Berger, Luckmann, siehe Anmerkung 5.
10 Martin Endress: Die »Alfred Schütz-Werkausgabe«. Konzeption und editorisches Profil, in: Carsten Klingemann, Michael Neumann, Karl-Siegbert Rehberg u. a. (Hg.): Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1995. Opladen 1999, S. 281.
11 Tilo Grenz: Spuren der Soziologiegeschichte. Prozessorientierte Analysen Kommunikativer Wissenskulturen, in: Stephan Moebius, Andrea Ploder (Hg.): Handbuch Geschichte der deutschsprachigen Soziologie. Wiesbaden 2016, S. 115-130; Michaela Radenhauer, Tilo Grenz: Alfred Schütz und die Wiener Kreise. Zur kommunikativen Vereinbarung des Unvereinbaren. Antrag auf Forschungsförderung, Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung (bewilligt, Forschung laufend) 2016.
1 2 Ingeborg Helling: Alfred Schütz, Felix Kaufmann, and the Economists of the Mises Circle: Personal and Methodological Continuities, in: Elisabeth List, llja Srubar (Hg.): Alfred Schütz - neue Beiträge zur Rezeption seines Werkes. Amsterdam 1988, S. 43-68; Peter Kurril-Klidgaard: The Viennese Connection: Alfred Schutz and the Austria School, in: The Quarterly Journal of Austrian Economics 6 (2011), Heft 2, S. 35-67.
13 Max Weber: Soziologische Grundbegriffe. 4. Auflage, Tübingen 1978, S. 31.
14 Ronald Hitzier: Welten erkunden, in: Soziale Welt 50 (1999), Heft 4, S. 142.
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