Präsenstechniken und ihre Spuren
bereits abgelaufenes Handeln gemeint ist. Diese Antizipation, die Schütz als „modo futuri exacti “ 15 charakterisiert, baut auf bereits gemachter Erfahrung, also auf Erfahrungswissen auf und damit, zumindest in dieser proto-soziologischen Grundlegung der Soziologie , 16 nie auf dem Eindruck eines vom ,Hier und Jetzt 1 abgekoppelten Künftigen. Die Antizipation ist damit stets Vorerinnerung . 17 Die Bedingung der Möglichkeit, dass ich etwas, das ich noch nie erfahren habe, antizipieren kann, wird damit kategorisch ausgeschlossen. Es kann - in dieser bekannten Perspektive - konstatiert werden, dass „die Fähigkeit unseres Bewusstseins zum gedanklichen Vorgriff in die Zukunft wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass wir überhaupt handeln können .“ 18
Die soziale Herstellung von Zukünften
Ohne Frage vollziehen solche Programme, bei denen aktuelle Ereignisse, Abläufe und Sachverhalte in die Zukunft verlängert werden, die also einer „Modellierten Zukunft“ gelten , 19 eine andere Bewegung, die zuweilen sogar auf die Soziologie verallgemeinert wird. In seiner differenzierten Betrachtung von „Zeitschichten“ geht Koselleck so weit, die Bewährung des Faches der Soziologie an die Erwartung zu koppeln, über das Potential und Arsenal seiner Methoden Hochrechnungen immer umfangreicherer Variablen zu bewerkstelligen. Dies schließlich ,,zwing[e] die Soziologen zur Prognose, ob sie wollen oder nicht“. Wissenschaften wie Politologie, Ökonomik oder Soziologie seien heute besonders gefordert, da sie „Strukturen hochrechnen, um Zukunftstrends aus ihnen abzuleiten .“ 20
Auch in der Auseinandersetzung mit Modellierung, (sozial)wissenschaftlichen Prognosen und dem Zukunftswissen der Soziologie vermengen sich unterschiedliche Diskussionsstränge, die mithin auf Erwartungen zurückgehen, die lange zurück im Anspruch der damals neuen Wissenschaft selbst befeuert worden waren. Das zeigt sich prototypisch im populären Diktum Auguste Comtes, der Soziologie als „physique sociale“ begriff und für das neue Fach einen spezifischen Denkstil postulierte: „So besteht der wahre positive Geist darin zu sehen
15 Schütz, siehe Anmerkung 8, S. 70.
16 Thomas Luckmann. Schützsche Protosoziologie? In: Angelica Bäumer, Michael Benedikt (Hg.): Gelehrtenrepublik - Lebenswelt. Edmund Husserl und Alfred Schütz in der Krisis der phänomenologischen Bewegung. Wien 1993, S. 321-326.
17 Schütz, siehe Anmerkung 8, S. 75f.
18 Hubert Knoblauch, Bernt Schneller: Prophetie und Prognose. Zur Konstitution und Kommunikation von Zukunftswissen, in: Hitzier, Pfadenhauer: Gegenwärtige Zukünfte, siehe Anmerkung 1, S. 25.
19 Dieckhoff, siehe Anmerkung 3.
20 Koselleck, siehe Anmerkung 7, S. 203.
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