Tilo Grenz
um vorauszusehen, zu erforschen was ist, um daraus auf Grund des allgemeinen Lehrsatzes von der Unwandelbarkeit der Naturgesetze das zu erschließen, was sein wird .“ 21 Die Schwierigkeit, die damit einhergeht, die Logik naturgesetzlicher Schlüsse auf das Soziale zu übertragen, prägte (und prägt ) 22 intensiv die Fachgeschichte - und übrigens nicht zuletzt auch hitzige Streitigkeiten in den bereits erwähnten Wiener Gelehrtenkreisen der Zwischenkriegszeit . 23 Klärungsbedürftig ist damit, auf welche leitende Annahme sich (sozial-wissenschaftliche Erkenntnis beziehen kann und soll. Im cartesianischen Verstände kann sie abzielen auf eine äußere Realität, die auch das Soziale prägt, nach spezifischen Gesetzmäßigkeiten abläuft und daher auch entsprechend dieser durchmustert und erklärt werden kann. Diese - aus der naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeitsperspektive 24 - begriffene Realität braucht aber keineswegs eine äußere zu sein, die menschliches Handeln an etwaigen Verhaltensprinzipien misst. Sie kann auch als gleichsam nach ,innen 1 verlegte Annahme erfolgen, wenn etwa zweckrationales bzw. zielorientiertes Handeln als Basismotiv jeglichen (intentionalen) Tuns begriffen wird. Max Weber hatte in seiner Differenzierung der vier „Bestimmungsgründe sozialen Handelns “ 25 betont, dass „zweckrationales Handeln“ lediglich ein, wenn auch zeithistorisch dominanter, Typus des Handelns ist, keineswegs allerdings der universalhistorisch vorherrschende, dem alles Tun immer und überall, d. h. auch in die Zukunft hinein, folgt. Prinzipiell ist menschliches Handeln mit Weber ein mit ,,subjektive[m] Sinn“ verbundenes „äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden“ 26 , wobei ,Sinn‘ als Handlungsintegral weder auf universalhistorisch geltende Motivierungen, noch auf absolute Beliebigkeit verweist. So kann schließlich die von Max Weber und Alfred Schütz grundgelegte und insbesondere von Peter L. Berger und Thomas Luckmann weiterentwickelte Einsicht in Anschlag gebracht werden, dass Kultur
21 Auguste Comte: Rede über den Geist des Positivismus [Discours sur 1‘esprit Positif] III, in: Iring Fetscher (Hg.): Rede über den Geist des Positivismus. Hamburg 1994 (erstmals 1844), S. 15.
22 Norman Braun: Theorie in der Soziologie, in: Soziale Welt 59 (2008), Heft 4, S. 373-395.
23 Bruce Caldwell: Hayek’s Challenge: an intellectual biography of F. A. Hayek. Chicago 2004, S. 64f.; Reinhard Knoll: Die phänomenologische Alternative in den Sozialwissenschaften, in: Bäu- mer, Benedikt, siehe Anmerkung 16, S. 225-234.
24 Als eigenständige Wissenschaft konnte sich die Soziologie erst mit den bzw. im Zuge von verschiedenen Gesellschaftslehren (wesentlich: der französischen Aufklärung) entwickeln, wie das Friedrich Jonas eindrücklich zu zeigen vermag (Jonas, siehe Anmerkung 2), aber eben auch ganz maßgeblich im Zusammenhang mit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften, von denen sie sich - im Grunde bis heute - emanzipiert.
25 Weber, siehe Anmerkung 13, S. 34-36.
26 Weber, siehe Anmerkung 13, S. 9; genau heißt es bei Weber: „.Handeln' soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden.“
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