Präsenstechniken und ihre Spuren
und Gesellschaft, dass typisches Handeln und damit auch Relevanzen, Deutungen und Erwartungen sich im historischen Prozess verändern, und, dass wir es mit historisch wandelbaren Weisen der Wirklichkeitskonstruktion zu tun haben. Das heißt auch, dass eine objektive Welt sozialer Gesetzmäßigkeiten unabhängig von der jeweils zeithistorisch konditionierten Blickwendung nicht existiert. Dieser Zuschnitt der Erkenntnis verschließt sich nun der Prognostik und der Begreifbarkeit des Zukünftigen. Und so verwundert es nicht, wenn schon Max Weber Anfang der 1 920er-Jahre betont: „Wer,Schau 1 wünscht, gehe ins Lichtspiel; sie wird ihm heute massenhaft auch in literarischer Form auf eben diesem Problemfeld geboten. Nichts liegt den überaus nüchternen Darlegungen dieser der Absicht nach streng empirischen Studien ferner als diese Gesinnung. Und - möchte ich hinzusetzen - wer .Predigt* wünscht, gehe ins Konventikel.“ 27 Eine Soziologie, die die Wandelbarkeit der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Rechnung stellt und die Unvorhersehbarkeit von Künftigem voraussetzt, rückt zugleich die - dahingehend keineswegs so nüchterne - Faszination an den mannigfaltigen Wirklichkeiten und deren Rekonstruktion ins Zentrum.
Daraus leitet sich eine Sichtweise ab, die gezielt neugierig und unvoreingenommen, statt prognostisch oder gar prophetisch, danach fragt, wo, wie, durch wen und in Bezug worauf Zukunft sozial relevant gemacht wird. Festgehalten werden muss dabei mit Reinhold Popp, der sich an den Ansprüchen der Zukunftsforschung abarbeitet: „Zukunft existiert (noch) nicht und lässt sich daher - im engeren Sinne des Begriffs Zukunftsforschung - nicht erforschen! (...) Zukunftsforschung kann nämlich - jedenfalls im Bereich der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften - nicht,vorausschauen 1 , sondern nur die vielfältigen Formen der gegenwärtigen individuellen und institutionellen Auseinandersetzungen mit der Zukunft erforschen, also Zukunftsbilder, -pläne, -programme, -ängste, -wünsche, -hoffnungen, -befürchtungen, -projektionen, -Vorstellungen u. ä.“ 28 Sehr ähnlich heißt es bei Hans-Georg Soeffner, der ebenso die Gegenwartsverankerung von Zeitbezügen betont: „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind von der - sich ständig bewegenden und verändernden - Gegenwart bestimmte Zuwendungsformen zu unseren sich ebenfalls ständig bewegenden
27 Max Weber: Vorbemerkung. Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Tübingen 1988,
S. 14, zit. durch Knoblauch, Schnettler, siehe Anmerkung 18, S. 41.
28 Reinhold Popp (Hg.): Zukunft und Wissenschaft. Wege und Irrwege der Zukunftsforschung. Band 2, Berlin, Heidelberg 201 2, S. 18, zitiert in: Leila Akremie: Kommunikative Konstruktion von Zukunftsängsten: Imaginationen zukünftiger Identitäten im dystopischen Spielfilm. Wiesbaden 2016, S. 5.
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