Präsenstechniken und ihre Spuren
Vergegenwärtigung und Gegenwart - Zwei aktuelle Fälle
Mediatisierte Fitness
Das erste Beispiel basiert auf einer Organisationsethnographie in einem Tochterunternehmen einer europaweit etablierten Fitnessstudiokette. Das Mutter-Unternehmen hatte sich seit den 1990er-Jahren im Bereich des sogenannten „Studiotrainings“ etabliert, 35 das im Kern darauf basiert, trainingswilligen Kundinnen den Raum und die Ressourcen, d. h. etwa Hanteln, Trainingsgeräte und vor allem Trainingspläne, zur individuellen körperorientierten Betätigung bereitzustellen. Mit der Auskopplung eines Tochterunternehmens verband sich die Idee, unter Rückgriff auf digitale Medienformate ein zeitgeistiges Geschäftsmodell als Parallelstrategie zu verfolgen. Auf einer Online-Plattform sollten Nutzerinnen für ihre, wie auch immer gearteten und wodurch auch immer motivierten, ernährungs- und bewegungsbezogenen Ziele den jeweils geeigneten Plan vorfinden. Dem Anleitungsgenre zugehörig ist der Trainingsplan, der Stationen, Übungen, Wiederholungen und grundlegende Zielstellung umfasst, im Fitness-Bereich fest etabliert und institutionalisiert.
Das neue Angebot sah vor, verschiedene, seinerzeit zeitgeistige, webbasierte Softwareanwendungen auf einer Plattform zusammenzuführen. Die Tools ermöglichten es Nutzerinnen zum einen, anbieterseitig vorbereitete Pläne ausfindig zu machen, zu modifizieren und zu nutzen. Im Zentrum standen, zum anderen, solche Inhalte, die von Nutzerinnen erstellt und modifiziert werden sollten (user generated content) und zudem das wechselseitige (thematische) User-Feedback zu individuellen Trainingskonzepten. Das Konzept bestand darin, dass User sich für jeden Trainingstag eigenständig Trainingseinheiten in minutiös-detaillierten Teilschritten per Mausklick zusammenstellen, wahlweise aber auch Pläne teilweise oder komplett übernehmen, die andere Nutzerinnen auf die Plattform gestellt haben. Letztere, d. h. theoretisch unbegrenzt viele von Nutzerinnen entwickelte Trainingspläne bildeten die substantielle Basis der als neuartig begriffenen Geschäftsidee.
Mit dieser Konzeption verband sich das Zukunftsszenario, die einst primär körperliche Aktivität um eine translokale, d. h. nicht mehr räumlich gebundene
35 Im Anschluss an Michi Knecht (siehe Anmerkung 33, S. 268), die mit Blick auf die Debatte zum ethnographischen Präsens die mangelnde Historizität und Wandel-Sensibilität von Präsensbeschreibungen konstatiert, wird im Folgenden gezielt die Vergangenheitsform verwendet; siehe Anmerkung 33.
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