Tilo Grenz
achtungsinstrumentarium, also hier: eine moderne Ressource der betrieblichen Vergewisserungspraxis, sind . 49
Allein schon empirisch wäre es allerdings ein Kurzschluss, die Datenaggregation (Benutzungsdaten) und die anbieter- bzw. entwicklerseitige Modifikation der Medientechnik in ein kausal-deterministisches Ursache-Wirkungs-Verhältnis zu setzen. Wesentlich ist vielmehr die sozial abgeleitete und erhandelte Relevanz, die diesen technisch aggregierten und veranschaulichten Daten beigemessen wird. Erst wenn Akteurlnnen den (oftmals numerischen) Daten einen Indiziencharakter zuschreiben, erst wenn die Daten so interpretiert werden, als seien sie beiläufig hervorgebracht, erst dann gewinnen sie handlungspraktische Evidenz. Denn erst dann werden sie sozial als (digitale) Spuren relevant gemacht, die auf ihren Hinweischarakter hin von Akteurlnnen betrachtet, gedeutet und als Ausgangspunkt möglicher notwendiger Anpassungsmaßnahmen verstanden werden . 50
In diesem Sinne handelt es sich bei digitalen Medien in ihrer Anlage als in ihrer technischen Gestalt offene .Spurengeneratoren’ um Präsenstechniken. Im modus operandi der Spurenevidenz drängen sie sich Betreiberinnen und Entwi- cklerlnnen regelrecht auf, sie führen aber insbesondere dazu, den mithin wertbeladenen Fokus auf die zu gestaltende oder aufziehende Zukunft zugunsten einer Aufmerksamkeit auf präsente Problemstellungen aufzugeben, zumindest zur Seite zu stellen. Präsenstechniken sind dergestalt prototypisch für eine im doppelten Sinne reflexive Gestalt heutiger (Digital-)Technik: Als offene bzw. offen gehaltene Systeme basieren sie erstens auf einer Logik permanent einlaufender Informationen, stabilisieren also institutionalisierte Dauerreflexion im Technischen. Insofern führt eine Zunahme des (Experten-)Wissens keineswegs zur Steigerung der Beherrschbarkeit, Planbarkeit und Rationalisierbarkeit und so nimmt dieses sozio-technische Gefüge den Charakter ,,hergestellte[r] Unsicherheit“ an . 51
49 Tilo Grenz: Digitale Medien und ihre Macher. Mediatisierung als dynamischer Wechselwirkungsprozess, in: Tilo Grenz, Gerd Möll (Hg.): Unter Mediatisierungsdruck. Änderungen und Neuerungen in heterogenen Handlungsfeldern. Wiesbaden 2014, S. 19-50.
50 Grenz, siehe Anmerkung 34, S. 145; Grenz, Kirschner, siehe Anmerkung 38; grundlegend: Sybille Krämer: Was ist also eine Spur? Und worin besteht ihre epistemologische Rolle? Eine Bestandsaufnahme, in: Sybille Krämer, Werner Kogge, Gernot Grube (Hg.): Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst. Frankfurt am Main 2007, S. 11-33. Die bei Krämer als Kerncharakteristikum verstandene „Unmotiviertheit“ von Spuren ist allerdings Gegenstand sozialer Zuschreibung, wie dies im vorliegenden Fall beschrieben wird.
51 Anthony Giddens: Risiko, Vertrauen und Reflexivität, in: Ulrich Beck, Anthony Giddens, Scott Lash (Hg.): Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Frankfurt am Main 1996, S. 317.
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