Präsenstechniken und ihre Spuren
Zweitens drückt sich die reflexive Gestalt gegenwärtiger (Digtal-)Techniken in ihrem Selbstkonfrontations- bzw. Selbstgefährdungspotential aus, wie dies beide herangezogenen Fallbeispiele illustrieren. Die Wechselseitigkeit von datenbasierter Beobachtung der Inanspruchnahme und des wiederholten Umbaus der Medienarchitektur hat das Potential, ursprüngliche Zielstellungen zu unterminieren. Die institutionalisierte Dauerreflexion zeitigt nicht-intendierte Nebenfolgen, die, wie gezeigt, ganz maßgeblich die Relation von Gegenwart und Zukunft betreffen. Deutlich kommt dies an den drastischen Strategiewechseln in beiden Fallbeispielen zum Ausdruck. Im Fall der Fitness-Plattform werden avancierte mediale Features zurückgenommen (mit dem Risiko, das ökonomisch relevante Innovationspotential einzubüßen), im Fall der Blocking App wird die ursprüngliche Zielsetzung gleichsam in ihr Gegenteil verkehrt und alles unternommen, um Kunden an den Bildschirm zu binden (mit dem Risiko der Unglaubwürdigkeit). Die Lösung von Problemen im Hier und Jetzt der Gegenwart dominiert letztlich die Handlungsprogramme, die eigentlich auf die soziale Herstellung einer in bestimmter Weise artikulierten Zukunft gerichtet sind. Der Motor dieser Umgewichtung findet sich in der Dominanz der Nebenfolgenbearbeitung, die sich mit Scott Lashs pointierter Charakterisierung der reflexiven Moderne beschreiben lässt: „Here system dis-equilibrium and change are produced internally to the system through feedback loops. These are open systems. Reflexivity now is at the same time system destabilization. Complex systems do not simply reproduce. They change. It is the ‘chaos’ or noise of the unintended consequences that leads to system dis-equilibrium .“ 52
Mit der Einsicht, dass „Akteursstrategien [...] kontraintentionale Effekte“ und unvorhergesehene Nebenfolgen zeitigen, die nicht stillzustellen sind, verbindet sich somit, zusammenfassend, eine Wendung, die die dominanten Zeithorizonte betrifft . 53 Die prinzipielle Nicht-Prognostizierbarkeit der Zukunft verschiebt die Relation von Gegenwart und Zukunft, womöglich nicht nur hin zur „Selbst-The- matisierung von Kontingenz“ 54 , sondern in Richtung einer gegenwartscharakteristischen Aufwertung der Gegenwart, hin zu einem Präsentismus. Dies nun korrespondiert mit dem von Helga Nowotny betonten Umstand, dass die Frage
52 Lash, siehe Anmerkung 47, S. 50.
53 Manfred Moldaschl: Institutioneile Reflexivität. Zur Analyse von „Change“ im Bermuda-Dreieck von Modernisierungs-, Organisations- und Interventionstheorie, in: Michael Faust, Maria Funder, Manfred Moldaschl (Hg.): Die „Organisation“ der Arbeit. München, Mering 2005, S. 355-382, hier S. 363.
54 Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Wiesbaden 1991, S. 86.
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