Aufsatz 
Ware Zukunft - Erzählung und Kommerzialisierung von Fortschrittsdenken im 19. Jahrhundert / Florian Bettel
Entstehung
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Florian Bettel

Fortschrittssinn in kultureller und industrieller Beziehung Schritt [zu] halten. 7 Der Bericht über den Schnellzug der Zukunft entsprach der Blattlinie und so konnten die Leser/innen auf die fantastische Reise durch ein System aus unter­seeischen Eisenrohren, verankert am Meeresgrund des Atlantik, mitgenommen werden. Das geschilderte neuartige Transportsystem verband Boston (USA) mit Liverpool (England), indem indiesen Riesenröhren [...] eine Reihe Waggo­ne angebracht werden [sollten], die durch künstlichen Luftdruck, ähnlich wie die Gegenstände in einer Rohrpost, fortbewegt würden. 8 Die prachtvoll ausgestat­teten, elektrisch beleuchteten Salonwagen, pneumatisch auf rund 1000 Kilome­ter pro Stunde beschleunigt, ließen die Passagiere, so die Vision, die Strecke Boston-Liverpool in zwei Stunden und 40 Minuten zurücklegen. Trotz der enor­men Geschwindigkeit der einzelnen Waggone, diefast mit der Schnelligkeit einer Kanonenkugel durch die Röhren sausten, vermochte der Erzählernichts als ein dumpfes, ganz leises Geräusch zu vernehmen,das, wie ich vermutete, durch die Fortbewegung unseres Zuges hervorgebracht wurde 9 - und das ob­wohl er aufmerksam und begierig lauschte. Den Tunnelausgang und damit das Ende der Fahrt erreichte der Erzähler im Übrigen nicht mehr. Er erwachte noch im Waggon aus seiner Fantasie, das revolutionäre Transportsystem erwies sich als Traumbild. Der Erzähler war über einigen amerikanischen Zeitungen einge­schlafen, die Grundlage seiner traumhaften Raserei durch den Atlantik waren, wie er sein Publikum wissen ließ. Seine Vision war mit dieser Bemerkung in der zeitgenössischen technischen Entwicklung verankert.

Der Erzähler und der Autor der Geschichte teilten sich denselben Namen: Jules Verne. Der Autor Jules Verne (1 828-1905), der zum Zeitpunkt des Erscheinens desSchnellzuges der Zukunft in der Schweizer Hotel-Revue bereits über ein Jahr tot war, hatte die Erzählung schon zuvor vielfach publizieren lassen. 10 Sie lässt sich bis in das Jahr 1888 zurückverfolgen, wo sie alsUn express de lavenir in Le Figaro im September erschienen war. * 11 Der Autor Jules Verne war im Jahr 1906 bereits eine bekannte Marke, mit der sich Zukunftsdarstel­lungen gewinnbringend verkaufen ließen. Vernes Sohn Michel (1861-1925), der die kommerzielle Verwertung von Jules Werk übernommen hatte, war sich bewusst, welche Vermarktungsmöglichkeiten der Name seines Vaters bot. Mi-

7 Die Redaktion: Unser Antrittsprogramm, in: Schweizer Hotel-Revue, 1 2.3.1892, S. 1 f., hier: S. 1.

8 Verne, Schnellzug der Zukunft, siehe Anmerkung 6.

9 Ebd.

10 Bernd Fiessner: Tunnelblicker, in: mare. Die Zeitschrift der Meere 88 (2011), S. 74-79, hier: S. 76.

11 Michel Verne: Un express de l'avenir, in: Le Figaro. Supplement litteraire du dimanche, 1.9.1888, S. 138-139.

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