Ware Zukunft
chel schrieb die Autorenschaft der Erzählung konsequenterweise seinem Vater zu, wo es hingegen Michel selbst war, der 1888 die Vision einer pneumatischen Unterseeverbindung zwischen Amerika und Europa in Le Figaro in Form einer Kurzgeschichte niedergeschrieben hatte. Die Erwähnung des Erzählers, er wäre über amerikanischen Zeitungen eingeschlafen, die über ein entsprechendes Geschäftsmodell eines gewissen Colonel Pierce berichteten, ließ sich Ende der 1880er-Jahre durchwegs anders kontextualisieren als 1906. Seit den 1860er-Jahren diskutierte man Pneumatik im urbanen Raum als zukünftige Antriebstechnik, in den 1870ern fand sie vor allem als Stadtrohrpost international breite Anwendung. 12 Selbst in den ausgehenden 1 880er-Jahren, während die Massenmobilisierung mittels Ottomotoren noch kaum absehbar war, konnte die Pneumatik als Zukunftstechnik gelten. 1906 hingegen zeigten sich in den Großstädten mit dem modernen Fahrradtypus und der anlaufenden industriellen Produktion von Automobilen bereits Fortbewegungsmittel, die den Individualverkehr im 20. Jahrhundert maßgeblich bestimmen sollten. 13 Die Elektrifizierung und der weitere Ausbau der Stadtbahn- und U-Bahnlinien nahm der Pneumatik im öffentlichen Personennahverkehr eine weitere Zukunftsperspektive. Träumen vom pneumatisch angetriebenen Schnellzug der Zukunft durfte Michel Vernes Erzähler 1906 jedoch noch im Fernverkehr bei der rasenden Überwindung von großen Distanzen - eine Hoffnung, die das Flugzeug in Form des Wright Flyer noch kaum zu erfüllen vermochte.
Colonel Pierce - Eine Figur der technischen Moderne
Vernes literarische Figur, Colonel Pierce, ein charismatischer und visionärer Erfinder wie Unternehmer, lässt sich tatsächlich auf Colonel John H. Pierce zurückführen, der sein futuristisches Transportsystem dem Boston Daily Globe im Sommer 1887 vorstellte. 14
Der damals 39-jährige Pierce vermittelte dem Journalisten, der für das Interview in den kleinen Ort Plantsville, Connecticut, gereist war, einen sehr positiven Eindruck, wie der Reporter schrieb. Mehr noch, er ließ sich von Pierces Enthu-
12 Florian Bettel: „Der .vollkommenen 1 Welt um einen großen Schritt näher.“ Die Rohrpost am Arbeitsplatz in fünf Darstellungen, in: Blätter für Technikgeschichte 73 (201 2), S. 1 27-148, hier S. 128-137.
13 Wolfgang König: Massenproduktion und Technikkonsum. Entwicklungslinien und Triebkräfte der Technik zwischen 1880 und 1914, in: Ders., Wolfhard Weber: Netzwerke, Stahl und Strom (= Propyläen Technikgeschichte, Band 4), Berlin 1997, S. 263-552, hier: S. 442-475.
14 Anonym: 1000 Miles an Hour. From Boston to Liverpool in an Afternoon, in: Boston Daily Globe, 5.8.1887, S. 4.
35