Aufsatz 
Ware Zukunft - Erzählung und Kommerzialisierung von Fortschrittsdenken im 19. Jahrhundert / Florian Bettel
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Ware Zukunft

dukt der Vorstellungskraft Jules Vernes hätte sein können. 16 So mag es kaum verwundern, dass Michel Verne diesen vielschichtigen Colonel Pierce als Prota­gonisten in seine Erzählung aufnahm und ihm viel Raum gab, seine Vision den Leser/innen begreifbar zu machen. Der Piercesche Ingenieurtypus war 1 887 bereits wirtschaftlich erfolgreich - verkörpert beispielsweise im Herausgeber des Scientific American, Alfred Ely Beach (1828-1896) - und sollte nicht zu­letzt auch noch Romanfigur werden, wie Mac Allan, Held in Bernhard Keller­manns (1879-1951) BestsellerDer Tunnel (1913). 17

Die unternehmerischen Ingenieure hatten mit der Zukunft einen Rohstoff für sich entdeckt, den sie für sich zu nutzen wussten. Die Zukunft bot den modernen Entdeckern ein Refugium und ein Ziel, wonach sie ihr Tun ausrichten konnten. Was bereits im 18. Jahrhundert mit neuen statistischen Methoden berechenbar geworden zu sein schien, 18 diente im Laufe des darauffolgenden Jahrhunderts vermehrt umtriebigen Ingenieuren als Terrain für Pläne, Fantasien und Visionen. Bei der kommerziellen Verwertung der möglichen Zukünfte konnten die Inge­nieure auf populäre Darstellungen zurückgreifen, die bereits seit vielen Jahren in unterschiedlichen Medien kursierten. 19 In den fantastischen Bildwelten der Po­pulärkultur bildete sich ab, wohin die Zeitreise gehen sollte. Die Stoßrichtung, von der Vergangenheit in die Gegenwart und weiter in die Zukunft, fand sich reich illustriert auf Brettspielen, in populärwissenschaftlichen Abhandlungen, der Science-Fiction-Literatur sowie der Karikatur. Die solcherart transnational diskutierten Visionen bildeten eineemotionale Basis 20 für die großen Vorha­ben der Ingenieure und den Fortschrittsglauben, wie man ihn auf Weltausstel­lungen feierte. Einige Ingenieure entwickelten ein ausgeprägtes Gespür dafür, diese weithin verbreiteten Visionen für ihre Unternehmungen kommerziell zu be­dienen. Sie beherrschten das Spiel mit der Öffentlichkeit, um politische Akteur/ innen für ihre Zwecke zu gewinnen, Investoren zu finden oder die Notwendigkeit ihres Anliegens (über) zu betonen. 21

16 Ebd.

17 Bernhard Kellermann: Der Tunnel. Cadolzburg 2015; zur Konjunktur der Ingenieursfigur in der deutschsprachigen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts vgl. Robert Leucht: Dynamiken poli­tischer Imagination. Die deutschsprachige Utopie von Stifter bis Döblin in ihren internationalen Kontexten 1848-1930. Berlin, Boston 2016, S. 259-262.

18 Theresa Haigermoser: Das Ideal einer berechenbaren Zukunft. Zur Rationalisierung des Zeit­begriffs im 18. Jahrhundert, in: Herbert Lachmayer (Hg.): Experiment Aufklärung im Wien des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Ostfildern 2006, S. 261-267, hier: S. 261.

19 Bettel, Futures & Options, siehe Anmerkung 2.

20 Radkau, siehe Anmerkung 3, S. 58.

21 Bettel, Futures & Options, siehe Anmerkung 2.

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