Ware Zukunft
Die um die Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend in Berufsverbänden organisierten Ingenieure, wie der 1848 gegründete Österreichische Ingenieur- und Architekten-Verein (ÖIAV) oder der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) ab 1856, 72 sammelten und verhandelten internationale Themen und Fragenstellungen des Zukünftigen und entwickelten sie in Zeitschriftenbeiträgen und Vorträgen weiter, die sich an ein Fachpublikum wandten. Die Recherche im ÖIAV-Bibliothekskatalog offenbart die inhaltlichen Zielsetzungen des Vereins: zentral waren Überlegungen zur Verkehrstechnik, insbesondere die Beschleunigung internationaler Verkehrswege, beispielsweise in Form der Untertunnelung des Ärmelkanals, und zur Stadt der Zukunft. 73 Galt in einem Kommentar der Vorschlag eines Ingenieurs als gelungen, wollte man die gute Konzeption und den Stellenwert für den jeweiligen Kontext hervorheben, so war „eine grössere Zukunft zu erwarten“ 74 oder der Erfindung wurde „eine grosse Zukunft prognos- ticirt.“ 75 Generell richtete man sich und dem Stand der Ingenieure aus: „Möge es unseren Vereins-Genossen gelingen, in fernen Landen, jeder in seinem ihm zugewiesenen Wirkungskreise, seinem Vaterlande und sich eine schöne Zukunft zu sichern.“ 76
Zukunft galt den Ingenieuren als Rohmaterial, das es zu bearbeiten galt, und zugleich als Maßstab, an dem sie sich im Wettlauf der Ideen zu messen hatten. 77 Der vorherrschenden Erzählung, der Fortschritt trage die Gesellschaft von der Vergangenheit 78 in die Zukunft, begegnete die breite Öffentlichkeit in Zeitungen, in der Literatur und nicht zuletzt auch im Spiel. In reichen Illustrationen erzählten Brettspiele, wie „British Sovereigns“ 79 , erschienen zwischen 1840 und
72 Wolfhard Weber: Verkürzung von Zeit und Raum. Techniken ohne Balance zwischen 1840 und 1880, in: König, Weber, siehe Anmerkung 13, S. 11-261, hier: S. 115f.; Sylvie Schweitzer: Der Inqenieur, in: Ute Frevert, Heinz-Gerhard Haupt (Hq.): Der Mensch des 19. Jahrhunderts. Essen 2004, S. 67-85.
73 Österreichischer Ingenieur- und Architekten-Verein (Hg.): Katalog der Bibliothek des Oesterrei- chischen Ingenieur- und Architekten-Vereines in Wien. Wien 1900.
74 J. George Hardy: Ueber continuirliche Bremsen überhaupt und die Vacuum-Bremse von Smith insbesondere, in: Wochenschrift des ÖIAV, 22.4.1876, S. 162-167, hier: S. 162.
75 Wochenzeitschrift des ÖIAV, 1 5.1.1 876, S. 24.
76 Ernest Pontzen: Mittheilungen aus Brasilien, in: Wochenzeitschrift des ÖIAV, 1.1.1876, S. 7-8, hier: S. 8.
77 Zum agonalen Element, den Abgrenzungsprozessen innerhalb der Gattung Utopie vgl. Leucht, siehe Anmerkung 17, S. 4-7, 1 61 -1 63.
78 Koselleck verweist auf die sukzessive Aufbereitung spezifischer Qualitäten von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft - in Unterscheidung zueinander - als Voraussetzung der Verzeitlichung der Utopie. Koselleck, siehe Anmerkung 66, S. 261.
79 Vielen Dank an Liddy Scheffknecht und Ernst Strouhal für diesen und viele weitere wertvolle Hinweise. Die vorgestellten Spiele sind im Game Lab Vienna (Abt. Kulturwissenschaften, Univ. f. angewandte Kunst Wien) einzusehen. Vgl. Victoria & Albert London, CIRC.401 -1964, online unter: collections.vam.ac.uk/item/026325/british-sovereigns-board-game-wallis-edward/ (14.2.2018)
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