Aufsatz 
Künstliche Intelligenz - ein Missverständnis / Christian Stadelmann
Entstehung
Seite
65
Einzelbild herunterladen

Künstliche Intelligenz

daran, auch den allermenschlichsten Bezirk, den des Denkens, zu erfassen? 25 Anlass für diese Frage war ihm der Ansatz, dass die Funktionsweise der Röh­rentechnik eines Computers mit der des Gehirns vergleichbar sei. Und weil eine Nachricht im Gehirn in einem Umlaufmechanismus so lange kreise, bis sie wieder abgerufen beziehungsweise in einem chemischen Speicher abgelegt und aufbewahrt würde, seien auch die Speichermethoden vergleichbar. Und so folgert Zemanek:Es kann kein Zweifel bestehen, dass sich die Tätigkeit einer solchen Maschine mit einem Teil dessen deckt, was landläufig als Denken be­zeichnet wird. 26

Diese Überlegungen zeigen aber einen anderen Ansatz an als jenen, den Alan Turing vorgeschlagen hatte. Bei vielen Fachleuten jener Zeit setzte sich nämlich allmählich die Vorstellung durch, dass der Computer ein Abbild des mensch­lichen Geistes sei und nach den gleichen Prinzipien arbeite wie das analoge Gehirn, und dass infolgedessen das Gehirn ein Modell für den Computer sein könnte. 27 Anders gesagt: Weil Software im selben Verhältnis zum Computer stehe wie Geist zum Gehirn, lasse sich Geist folgerichtig auch konstruieren. Der Informatiker David Gelernter bezeichnet diese Vorstellung heute alsdie wich­tigste, einflussreichste und (intellektuell) zerstörerischste Analogie der letzten hundert Jahre. 28

Um nun den im Gehirn wirksamen Prinzipien auf die Spur zu kommen, such­ten die Fachleute bereits in den Jahren vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs ernsthaft die Funktion neuronaler Strukturen zu ergründen. Es war schließlich John von Neumann (1903-1957), einer der Computerpioniere, der 1946 in einem Brief an Norbert Wiener ernsthafte Zweifel an ihren eigenen Forschun­gen formulierte. Er kritisierte, dass sie sich ausgerechnet das Gehirn, das kom­plizierteste Objekt unter der Sonne, als Modell ausgesucht haben und dass dessen außergewöhnliche Komplexität der Grund dafür sei, dass sie in ihren

25 Heinz Zemanek: Denken Elektronengehirne? In: Die Warte. Blätter für Forschung, Kunst und Wis­senschaft, Nr. 44, 1.11.1952, S. 1.

26 Ebd., S. 2.

27 Vgl. Peter Asaro: Computer als Modelle des Geistes. Über Simulation und das Gehirn als Modell des Designs von Computern, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 19 (2008), Heft 4 (Themenheft Geschichte der Kybernetik), S. 41-72, besonders S. 42f.

28 David Gelernter: Gezeiten des Geistes. Die Vermessung unseres Bewusstseins. Berlin 2016, S. 221.

65