Christian Stadelmann
Bestrebungen, synthetische Automaten-Gehirne zu konstruieren, nicht weiter- gekommen sind. 29
Nicht von ungefähr findet sich diese Kritik an den Bestrebungen der eigenen Zunft nur in einem Brief, der ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen war. Man kann davon ausgehen, dass sie angesichts der allgemeinen Euphorie und wohl auch angesichts von Fördermitteln, die für die Arbeit notwendig gewesen sind, nicht offen vorgetragen worden ist. In weiten Forscherkreisen war man überzeugt davon, dass es in absehbarer Zeit möglich sei, die Funktionsweise des Gehirns zu simulieren. Auf grundsätzlich-philosophische Vorbehalte, vorgebracht etwa von Günther Anders (1902-1992), wurde ohnehin nicht eingegangen. Dieser befand, dass wir eine „prometheische Scham“ vor der Technik empfinden und uns ihr unterordnen würden. 30 Wir seien heute invertierte Utopisten. Während sich nämlich die richtigen Utopisten eine Welt vorstellen würden, die sie nicht schaffen könnten, würden wir uns die Welt, die wir erschaffen, nicht vorstellen können. 31 Anders formulierte das unter dem Eindruck der Bedrohung durch die Atombombe, meinte aber die technischen Entwicklungen seiner Zeit allgemein. Bezogen auf die Frage nach den Möglichkeiten des Elektronengehirns lässt sich rückblickend konstatieren, dass angesichts der herrschenden Machbarkeitsphantasien ein gehöriges Maß an Utopismus im Spiel war. Das Vorhaben, alle Aspekte des Lernens oder anderer Merkmale von Intelligenz präzise zu beschreiben und infolgedessen eine Maschine zu bauen, die diese Prozesse simuliert, war aus heutiger Sicht äußerst verwegen. Der Begriff der „künstlichen Intelligenz“ wurde jedenfalls geprägt, ohne dass dafür eine tiefergehende philosophische, medizinische oder humanwissenschaftliche Reflexion ausgemacht werden könnte.
29 Asaro, siehe Anmerkung 27, S. 61. Dort, aus Neumanns Brief an Norbert Wiener im Wortlaut: „Our thougths - I mean yours and Pitts 1 and mine - were so mainly focused on the subject of neurology, and more specifically on the human nervous system and there primarily on the central nervous system. Thus, in trying to understand the function of automata and the general principles governing them, we selected for prompt action the most complicated object under the sun [...]. The difficulties are almost too obvious to mention: They reside in the exceptional complexity of the human nervous system, and indeed of any nervous system.“
30 Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München 1956; Taschenbuchausgabe, 2. Auflage München 2002, S. 21-95. Der Begriff „prometheische Scham“ nimmt Bezug auf den Titanen Prometheus aus der griechischen Mythologie, der den Menschen geschaffen, beziehungsweise ihm die Zivilisation gebracht hat. Indem wir nun technische Geräte hersteilen, die unseren psychischen und physischen Horizont übersteigen, empfinden wir eine Scham vor dieser Technik. Vgl. Konrad Paul Liessmann: Günther Anders. Philosophieren im Zeitalter der technologischen Revolution. München 2002, besonders S. 53f.
31 Günther Anders: Die atomare Drohung. Radikale Überlegungen zum atomaren Zeitalter. München 1981, S. 96.
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