Aufsatz 
Künstliche Intelligenz - ein Missverständnis / Christian Stadelmann
Entstehung
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Christian Stadelmann

also soll das auch hier nicht geschehen. Festzuhalten bleibt aber, dass sich Intelligenz in das hier angedeutete Bedeutungsspektrum in keiner Weise mit diesemGesetz in Einklang bringen lässt. Und wenn wir uns ehrfurchtsvoll mit Deep Learning auseinandersetzen und keine Ahnung davon haben, wie eine Software zu ihren erstaunlichen Ergebnissen gekommen ist, so gilt es, einmal mehr innezuhalten.Es könnte sein, dass wir eine kognitive Leistung intelligent nennen, solang wir nicht verstanden haben, wie sie zustande kommt, 34 gibt die Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen spitz zu bedenken. Jedenfalls, so scheint es, haben wir völlig aus dem Blick verloren, dass das ursprüngliche Konzept vonkünstlicher Intelligenz darauf abzielte, menschliches Denken zu modellieren.

Trotz bemerkenswerter begrifflicher und interpretatorischer Unscharfen gibt es nur wenig Widerspruch gegen die Entwürfe einerkünstlichen Intelligenz. Wo­möglich liegt das daran, dass keine der vielen Wissenschaften, in deren Feld sie hineinspielt, genügend methodisches Rüstzeug mitbringt, auch nur halbwegs verbindliche Aussagen darüber zu treffen, worüber sie sich da austauschen. Alle sind sie sehr zurückhaltend gegenüber den gar forschen und selbstbewuss­ten Ansagen, die von den Apologeten derkünstlichen Intelligenz getroffen werden. Ein Referenz-Skeptiker ist aber sicherlich der Neurowissenschaftler Antonio Damasio (* 1944). Er betont, dass es das definierende Merkmal von Neuronen sei, auf den Körper hin ausgerichtet zu sein, und dass diese Eigen­schaft das eigentliche Argument für die Ausbildung eines Willens sei. 35 Bereits inDescartes Error, jenem Buch, mit dem er 1 994 in weiten Kreisen bekannt geworden ist, hat Damasio die These vertreten, dass es die Verbindung von Geist und Körper ist, die den Menschen definiert. Alle Berechnungen, die darauf abzielen, die menschliche Intelligenz zu erreichen oder zu übertreffen, würden diese grundlegende Realität ignorieren. Der Geist sei nicht losgelöst vom Kör­per, und der Körper sei Teil des Bewusstseins des Menschen. 36 Darüber hinaus würden Kl-Programme nur eine begrenzte Ähnlichkeit mit den tatsächlichen mentalen Abläufen bei Menschen aufweisen. Sie würden zwar über Kognition, nicht aber über Affekte verfügen, so Antonio Damasio,

34 Lenzen, siehe Anmerkung 15, S. 30.

35 Antonio Damasio: Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins. München 2013, S. 50.

36 Vgl. Ders.: Descartes Error. Emotion, Reason, and the Human Brain. London 1994. Auf Deutsch erschienen: Antonio Damasio: Descartes Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München 1 994.

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