Künstliche Intelligenz
„das heißt, die intellektuellen Schritte in ihrem .intelligenten' Geist können nicht in ein Wechselspiel mit früheren, begleitenden oder vorhergesagten Gefühlen eintreten. Ohne Gefühl jedoch löst sich ein großer Teil der Hoffnung auf ihr Menschsein in Luft auf [...].“ 37
David Gelernter ergänzt, dass sehr komplexe Aspekte der Wahrnehmungen eines Menschen in einem Gefühl „zusammenfließen können“ und dass Emotionen von grundlegender Bedeutung für Geist und Denken und entscheidend für die Fähigkeit sind, „aus dem Gedächtnis die gespeicherten Informationen herauszugreifen.“ 38 Gefühle sind entscheidend für unser Denken, weil sie es in Gang setzen, „weil sie über unsere Bedürfnisse bestimmen, über unsere Befürchtungen, unsere Ängste und unseren Hass.“ 39 Auf Grundlage solcher Überlegungen sind Analogien zum Computer schwer herzustellen.
Die Skeptiker der „künstlichen Intelligenz“ haben allerdings ein argumentatives Problem. Ebenso wie die Apologeten leichtfertig ihre Prognosen zum besten geben, äußern jene seit Jahrzehnten ihre Vorbehalte, die sie dann revidieren müssen. Dass Computer die jeweiligen Großmeister im Schach, im Go und im Pokerspiel besiegen könnten, hielten sie so lange für denkunmöglich, bis genau dies eintrat. Die Prognosen der Skeptiker sind insofern nicht besser als jene der Apologeten. Bei der Beurteilung der „Leistungen der Technik“ wird üblicherweise aber auch geflissentlich ausgeblendet, dass hinter den zweifellos beeindruckenden Erfolgen dieser Computer ganze Teams von Programmiererinnen stehen und dass jede dieser Leistungen in einem ziemlich schmal begrenzten Bereich erbracht wird. Das Ziel, eine „allgemeine künstliche Intelligenz“ („artificial general intelligence") zu schaffen, macht derzeit noch einen äußerst ambitionierten Eindruck. Man versucht zum Beispiel, es dadurch zu erreichen, dass Roboter (und nicht einfach nur Computer) eine künstliche Kindheit durchlaufen sollen. 40 Die Fährnisse dieses Weges sind noch nicht absehbar. Trotzdem und unbeeindruckt von derartigen Details wird seit einigen Jahren in Permanenz von einem Rückzugsgefecht der menschlichen gegenüber der „künstlichen Intelligenz“ berichtet. Der in den letzten Jahren zum Star avancierte Historiker Yuval Harari (* 1976) warnt eindringlich vor der Überantwortung unseres Handlungsspielraums an die Computer. Die unausweichliche Konsequenz sei die, dass die
37 Ders.: The Strange Order of Things. Life, Feeling and the Making of Cultures. New York 2018. Auf Deutsch erschienen: Antonio Damasio: Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur. München 2017, das Zitat: S. 235.
38 Gelernter, siehe Anmerkung 28, S. 118.
39 Ebd., S. 119.
40 Vgl. Lenzen, siehe Anmerkung 15, S. 33 und S. 91-94.
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