Künstliche Intelligenz
entwickelt worden. Im 18. Jahrhundert wurde ausführlich erörtert, ob Körper und Geist getrennt voneinander funktionieren oder ob beide ein und demselben Prinzip gehorchten. Erstaunlich einflussreich war damals der atheistische Arzt Julien Offray de La Mettrie (1709-1751), der als philosophisches Enfant terrible galt, von dem man letztlich nicht genau wusste, ob er auch ernst meinte, was er von sich gab. Erfasste den Körper konsequent als Maschine auf, die aus Nerven und Stützmasse bestehe und auf die die ihn umgebenden Gegenstände über die Sinne einwirkten. Diese Umwelteindrücke würden über die Nerven, deren Fortsätze und die Hirnhäute an die Seele übermittelt. 43 Die damals theoretisch geführten Debatten zeitigten auch eine Reihe realer Objektivationen: Maschinen und Automaten, die mit der Idee spielten, die Funktionalität von Lebewesen nachzubilden. Berühmt geworden ist beispielsweise der um 1770 vorgestellte „Schachtürke“ von Wolfgang von Kempelen (1734-1804), ein Automat, der künstliches Denken suggerierte und auf diesbezügliche Vorstellungen referen- zierte. In gewissem Sinne handelte es sich um den Vorläufer des Schachcomputers; im Gegensatz zu jenem führte er aber die Figuren tatsächlich mit einer mechanischen Hand, und konnte nur deshalb Schach spielen, weil er von einem denkenden Menschen bedient, als „Handpuppe“ eingesetzt und als Androide vermarktet wurde. In seinem Körper - einem Kasten, auf dem das Schachbrett lag - saß der wirkliche Schachspieler. Eine ausgefeilte Spiegeltechnik verbarg ihn vor neugierigen Blicken, auch wenn bei Vorführungen die Türen des Kastens geöffnet wurden. Der „Schachtürke“ war also keineswegs ein technisches Wunder, er war vielmehr ein zauberkünstlerisches Meisterwerk.
Anders verhielt es sich mit der Sprechmaschine, an der Wolfgang von Kempelen jahrzehntelang arbeitete und die er 1791 in einer Publikation vorstellte. 44 Dieser Versuch, das menschliche Sprechen nachzubilden gilt allgemein als ernstzunehmende wissenschaftliche Leistung, die für lange Zeit Maßstäbe auf dem Feld der Sprachsynthese gesetzt hat. Sie ist deshalb bis heute Gegenstand systematischer Forschung. 45 Ein Blasebalg, die „Lunge“, erzeugt einen Luftstrom, der durch Rohrblätter, künstliche Membrane, strömt. Die Konstruktion der Maschine war ausgesprochen komplex und brachte auch Lautkombinationen hervor, die
43 Dabei steht die Seele nicht im Widerspruch zu La Mettries Konzept. Auch sie ist bei ihm Materie. Vgl. Alex Sutter: Göttliche Maschinen. Die Automaten für Lebendiges bei Descartes, Leibniz, La Mettrie und Kant. Frankfurt am Main 1988, hier besonders S. 133f. und S. 265f.
44 Wolfgang von Kempelen: Mechanismus der menschlichen Sprache nebst einer Beschreibung seiner sprechenden Maschine. Wien 1791.
45 Vgl. Fabian Brackhane, Richard Sproat, Jürgen Trouvain (Hg.): Wolfgang von Kempelen: Der Mechanismus der menschlichen Sprache (=Studientexte zur Sprachkommunikation, Band 87 und 88). Dresden 2017.
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