Aufsatz 
Künstliche Intelligenz - ein Missverständnis / Christian Stadelmann
Entstehung
Seite
72
Einzelbild herunterladen

Christian Stadelmann

über die Selbstlaute hinausgingen. Kempelen hatte damit bei öffentlichen Dar­bietungen offenbar auch einen gewissen Erfolg, die Nachbildung der mensch­lichen Sprache gelang ihm aber nicht. Das ist insofern nicht verwunderlich, als diese in einem vielfältigen und höchstens teilbewussten Zusammenspiel von Lunge, Luftröhre, Stimmbändern, Rachen, Nase, Mundhöhle, Zunge und Zähnen zustandekommt. Zu Kempelens Zeiten waren die grundlegenden Funktionen des Sprechens zwar schon erforscht, exakt erklärt werden konnte es aber nicht, geschweige denn, dass es in seinen Nuancen erfasst werden hätte können oder die Materialien zu dessen Nachahmung zur Verfügung gestanden hätten. Tieferliegende sprachliche Besonderheiten - dass beispielsweise Menschen mit unterschiedlichen Sprachkulturellen Hintergründen bestimmte Laute unter­schiedlich gut aussprechen können - können mechanisch ohnehin nicht nach­gebildet oder auch nur technisch interpretiert werden, was doch die Grundlage dafür wäre. Angesichts der Schwierigkeiten, die bei der praktischen Umsetzung aufgetreten sind, verwundert es nicht, dass diesbezügliche Versuche allmäh­lich erlahmt und schließlich eingestellt worden sind. Im 20. Jahrhundert kam man vom Konzept der mechanischen Sprachsynthese völlig ab. Die technische Umsetzung und auch die Intentionen, die hinter den heute gebräuchlichen com­puterbasierten Sprachsynthesesystemen stehen, haben überhaupt nichts mehr damit zu tun. Die Sprechmaschine ist letztlich als - zweifelsfrei aufschlussrei­cher - Misserfolg menschlicher Erfinderkunst zu verbuchen.

Die Geschichte der Sprachsynthese ist insofern interessant, als sie, hier nur knapp skizziert, veranschaulicht, wie weit die Versuche, biologische Funktionen nachzubilden, von den tatsächlichen Möglichkeiten, diese für eine technische Nutzung umzusetzen, abweichen. Ebenfalls aus dem 1 8. Jahrhundert rührt ein anderes, noch bekannteres Beispiel dafür: die künstliche Ente von Jacques de Vaucanson (1709-1782). Erstmals vielleicht in der Neuzeit machte sich ein ver­sierter Techniker 46 daran,künstliches Leben" zu schaffen. Er konstruierte ge­gen Ende der 1730er-Jahre eine Ente, die sitzen, stehen, watscheln, schnattern, flattern, Wasser trinken und Maiskörner verschlucken konnte. Was ihr aber vor allem Berühmtheit und eine dauerhafte Präsenz im Bewusstsein der Menschen eingetragen hat, ist der Umstand, dass sie die gefressenen Körner auch ver­daut und ausgeschieden hat. Einige Zeit, nachdem sie die Körner aufgepickt hatte, tröpfelte Kot aus demDarm der Ente. Wie beimSchachtürken han­delte es sich auch hier um eine bewusste Täuschung. DerVogel sammelte die

46 Zunächst hatte Vaucanson eine Ausbildung bei den Jesuiten erhalten.

72