Künstliche Intelligenz
aufgenommene Nahrung in einem Behälter. Seinen Kot sonderte er aus einem anderen ab, der getrennt davon war. Wie der „Schachtürke“ ist auch die Ente verloren gegangen. In beiden Fällen kreuzten sich jedenfalls außergewöhnliche menschliche Leistung mit suggestivem Handpuppenspiel.
Sowohl die Präsentation der vaucansonschen Ente als auch die des „Schachtürken“ erinnert uns nicht von ungefähr an gegenwärtige Präsentationen von wunderbaren Roboter-Wesen, die erstaunlich menschen- oder tierähnlich agieren und denen wir auf YouTube fasziniert zuschauen. Einzig die zeitliche Distanz lässt uns im einen Fall wissend lächeln. Im anderen Fall staunen wir verblüfft. Was hier noch besonders interessiert, ist die Tatsache, dass auch zu Zeiten, als Vaucanson seine Ente baute, die Medizin nicht wusste, wie eigentlich die Verdauung eines Lebewesens funktioniert. Sehr wohl zeigte sie ein großes Interesse daran und machte auch Fortschritte bei ihrer Erforschung. Zu Ende des 17. Jahrhunderts hatten die Anatomen die Drüsen des Verdauungsapparates entdeckt. Man ging davon aus, dass ein Fermentationsprozess stattfand, an dem Mund, Magen, Herz und Blut beteiligt waren. 47 Erst am Ende des 18. Jahrhunderts folgte im Zuge der Forschungen des Chemikers Antoine Laurent de Lavoisier (1743-1794) die Erkenntnis, dass es sich um eine Form der Verbrennung handelt, für die Sauerstoff notwendig ist. Mag sein, dass just die Entwicklung der medizinischen Forschung auf diesem Gebiet Vaucanson dazu inspirierte, mit mechanischen Mitteln die Verdauung zu imitieren. Gewiss spielt auch die erstmals genutzte Möglichkeit eine Rolle, einen biegsamen Schlauch - den Darm - aus Gummi fertigen zu können. Er kann aber eigentlich zu keinem Zeitpunkt daran geglaubt haben, dass er im Bauch seiner Ente tatsächlich eine Verdauung erzeugen könnte, denn er konnte nicht wissen, was Verdauung war. Die Menschen, die bei den Vorführungen der Ente Schlange standen - manche von ihnen zahlten angeblich einen Wochenlohn für den Eintritt 48 - und über die Ausscheidungen des Automaten staunten, glaubten augenscheinlich daran. Nun kann man aus diesen historischen Beispielen nicht ohne weiteres Analogien zu den gegenwärtigen Entwicklungen auf dem Gebiet der Robotik und „künstlichen Intelligenz“ herstellen. Aber das Gemenge aus seriöser, wissenschaftlicher Forschung und sensationslüsterner Schöpfungsphantasie weist zweifelsfrei Parallelen auf und gemahnt doch sehr an diese historischen Phänomene, die wir entweder biologisch oder technisch entschlüsselt haben. Wie
47 Roy Porter: Die Kunst des Heilens. Eine medizinische Geschichte der Menschheit von der Antike bis heute. Heidelberg, Berlin 2000, S. 221 f.
48 Vgl. John Jordan: Roboter. Wiesbaden 2017, S. 48.
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