Aufsatz 
Hundert Jahre Zukunft? Neue Technologien in Österreich seit 1918 - Aspekte und Diskurse / Hubert Weitensfelder
Entstehung
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Hubert Weitensfelder

Technik als schlecht und schädlich ansehen, vor allem die gegenwärtige Technik und ihre zukunftsgerichtete Orientierung. 1

Petrovic bezog sich in seinen Bemerkungen auf die Erfahrung vieler Techniker- Innen, dass nicht wenige ihrer materiellen Schöpfungen lange Zeit sichtbar blieben und damit gewissermaßen in die Zukunft ragten. Seine Rede steht für das Selbstbewusstsein des Technikerstandes. Dieses war schwer erkämpft, denn über Jahrzehnte hatten die Technikerlnnen um vermehrtes Ansehen ihres Metiers in der Gesellschaft gerungen. Andererseits waren gerade die Vertre­ter dieses Standes nunmehr zunehmend verunsichert, mussten sie doch fest­stellen, dass viele, die nicht ihre Studien absolviert hatten oder technikfernen Beschäftigungen nachgingen, über die Gestaltung der zukünftigen materiellen Welt und ihre Strukturen mitbestimmen wollten. Und nicht nur das: Sie vertraten auch andere Vorstellungen von kommenden Zeiten.

Diese Rede ist eine Momentaufnahme aus einem Zeitraum von rund 100 Jahren, der im Folgenden betrachtet werden soll. Es handelt sich um eine erste Zusam­menschau von Materialien zu diesem Thema. Für Deutschland ist vor kurzem eine umfangreiche Darstellung erschienen, dessen Autor die Geschichte der Zukunft seit 1945 reflektiert und viele Anregungen bereithält. 2 Hier müssen dagegen, auch aus Platzgründen, einige Einschränkungen getroffen werden. Im Folgenden wird nicht die Rede von technischen Produkt- bzw. Konsumgüter- oder Prozessinno­vationen sein. Die Rolle des Staates oder der Bundesländer als Taktgeber bzw. Steuerungselement für technische Entwicklungen wird nur kurz angeschnitten, 3 ebenso einige Zeitabschnitte und Branchen, in denen der BegriffZukunft immer wieder propagiert wurde und dabei zum ideologischen Konstrukt, zur Worthülse oder zum Thema für Sonntagsreden verkam. Das betrifft beispielsweise Visionen bzw. Planungen in der NS-Zeit oder die Inanspruchnahme von Zukunft als Motor für den Strukturwandel in der Landwirtschaft.

1 Paul Petrovic: Die Rolle des Technikers in der Welt von morgen, in: ZÖIAV 18/1 (1983), S. 1 -3, das Zitat S. 1. DieZeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins wechselte im Lauf der Jahrzehnte öfters ihren Namen bzw. wurde unter zwei Titelbezeichnungen geführt. Diese Unterschiede werden in der hier verwendeten Sigle nicht weiter berücksichtigt. - Für seine kritische Durchsicht des Manuskripts danke ich Helmut Lackner.

2 Joachim Radkau: Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute. München 2017.

3 Vgl. dazu etwa Rupert Pichler, Michael Stampfer: Forschungspolitik in Österreich nach dem Krieg. Offene Gegensätze, stillschweigende Arrangements, in: Wolfgang L. Reiter, Juliane Mikoletzky, Herbert Matis u. a. (Hg.): Wissenschaft, Technologie und industrielle Entwicklung in Zentraleu­ropa im Kalten Krieg (= Ignaz-Lieben-Gesellschaft: Studien zu[r] Wissenschaftsgeschichte 1). Wien 2017, S. 33-66.

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