Hundert Jahre Zukunft?
Für die Erste Republik liegt der Fokus überwiegend auf den Begleitmaßnahmen für technischen Wandel mittels Rationalisierung sowie auf neuartigen Betrachtungen industrieller Arbeit und ihrer psychologischen Begleiterscheinungen. Vielfach dienten auf diesem Gebiet die USA als Vorbild. In der NS-Zeit führten Kriegsschäden ebenso wie Vertreibungen zu schweren Verlusten an Zukunftspotentialen.
Nach 1945 traten erneut US-dominierte Konzepte von Produktivität und deren Vermittlung im Rahmen des Marshallplans in den Vordergrund. Der Krieg sowie technische Entwicklungen für militärische Zwecke hatten neue Technologien und Aspekte des Blicks auf die Zukunft in Gang gesetzt. Dazu zählten die Nutzung der Atomkraft für Forschung und Energiegewinnung, die Entwicklung von Computern sowie neue interdisziplinäre Betrachtungen und Ansätze zum Systemdenken, wie dies in der Kybernetik der Fall war. Die Anfänge der Mikroelektronik auf Basis der Halbleitertechnik wirkten sich allmählich auf Prozesse in der Fertigungstechnik aus, namentlich in den 1980er-Jahren mit dem Einsatz von Industrierobotern und durch neue Konzepte wie CIM, das „computer integrated manufacturing“. Eine Generation später bahnt sich nunmehr vergleichbares Gedankengut einen Weg, und zwar durch Konzepte von „Industrie 4.0“ bzw. durch cyber-physikalische Systeme. Material über technologische Aspekte von Zukunft in Österreich in den vergangenen 100 Jahren findet sich in vielerlei Unterlagen. Eine nicht sehr ergiebige, aber kontinuierliche Quelle ist die „Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins“. Ihrer Ausrichtung und ihren Ansprüchen als Standesorgan der Technikerlnnen ist ein weiterer Abschnitt gewidmet.
Erste Republik und NS-Zeit
Die Zeitenwende 1918 stellte im Denken über neuartige Wege in der Technologie in Österreich durchaus eine Zäsur dar. Doch reichen einige wichtige Trends tiefer in die Vorkriegszeit zurück. Dazu zählen Ansätze zur Neuorganisation industrieller Arbeit und Produktion. Starke Bestrebungen in dieser Richtung gingen seit den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts von den USA aus. Die langfristig erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Konzepte in dieser Richtung lieferte der US-Ingenieur Frederick W. Taylor mit seinen Vorstellungen von einem „Scientific Management“. Taylor und andere schlugen eine Reihe von Maßnahmen zur Rationalisierung vor. So wurden etwa die Bewegungen und der Zeitaufwand von Beschäftigten in ihrer jeweiligen Arbeit genau untersucht und
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