Hubert Weitensfelder
anschließend optimiert. Betriebliche Abläufe wurden zunehmend zentral geplant und kontrolliert, Tätigkeiten exakt festgelegt und die Kopfarbeit von der Handarbeit getrennt. Mit den neu definierten Qualifikationsniveaus entstanden auch weitere Arbeitsplätze für un- und angelernte Personen, vielfach zu Lasten der bislang gut bezahlten Facharbeiter. Darüber hinaus gaben schneller arbeitende Maschinen zunehmend den Arbeitstakt vor, neuartige Akkord- und Prämienlöhne verdichteten die Abläufe.
In Wien erfolgten solche Maßnahmen seit der Wende zum 20. Jahrhundert unter anderen in großen elektrotechnischen Betrieben, die als Zweigunternehmen deutscher Konzerne geführt wurden, etwa bei Siemens & Halske sowie in den Siemens-Schuckert-Werken. Dort wurden Kalkulations- und Lohnbüros eingerichtet sowie Stempeluhren und neue Zeitvorgaben für die Arbeiterinnen eingeführt. 4
Nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel Österreich-Ungarn in mehrere Nachfolgestaaten. Unter ihnen wies vor allem die nunmehrige Tschechoslowakei eine hochwertige industrielle und gewerbliche Basis auf. Außerdem verfügte das Land über große Kohlevorkommen. Dem gegenüber befand sich die junge Alpenrepublik Österreich in einer wesentlich schwierigeren Position. Das Land besaß nur wenige industrielle Ballungsräume und viele kleinere und mittelgroße Betriebe. In Wien und im Wiener Becken wurden Produkte der Elektrotechnik und Maschinen, Lokomotiven und Waggons sowie Kraftfahrzeuge und Textilien erzeugt. In der Obersteiermark konzentrierte sich die Schwerindustrie, in Vorarlberg bestand ein weiteres Zentrum der Textilproduktion. 5 Nach dem Verlust der Kohlenlager in Mähren und Schlesien sah sich Österreich mit einer prekären Energieversorgung konfrontiert. Die Wasserkräfte in den Alpen waren noch kaum ausgebaut. Daher bemühte man sich auch um Anschluss an die internationale Forschung zur Nutzung natürlicher Kraftquellen. So beteiligten sich österreichische Techniker 1924 mit vielen Referaten an der ersten „Weltkraftkonferenz“ in London. Darüber hinaus geschah eine Reihe weiterer Maßnahmen zur Rationalisierung und Restrukturierung der Wirtschaft. 1920 entstand ein „Österreichischer Normenausschuss für Industrie und Gewerbe“,
4 Gerhard Meißl: „Bei aufsteigender Konjunktur werden wir die Scharte auswetzen!“ Akkordierte Modernisierung in der Wiener Metall- und Maschinenindustrie (1900-1914), in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 3 (1992), Heft 3, S. 319-340, hier S. 322-326.
5 Andreas Resch, Reinhold Hofer: Österreichische Innovationsgeschichte seit dem späten 19. Jahrhundert. Indikatoren des Innovationssystems und Muster des Innovationsverhaltens. (= Innovationsmuster in der österreichischen Wirtschaftsgeschichte 6), Innsbruck, Wien, Bozen 2010, S. 19-23.
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