Hundert Jahre Zukunft?
es folgten ein „Österreichischer Verband für die Materialprüfung der Technik“, ein „Ausschuss für wirtschaftliche Betriebsführung“ und ein „Österreichisches Kuratorium für Wirtschaftlichkeit“. 6
Seit 1920 erschien eine „Taylor-Zeitschrift“, die Redaktion hatte ihren Sitz in Wien. Zu den Herausgebern zählte der Wiener Jurist und Ökonom Rudolf von Granichstaedten-Czerva. Aus der schwierigen Lage der Nachkriegszeit heraus sah er im Taylorismus den besten Weg, um in Zukunft mit geringstem Einsatz die größtmögliche Effizienz zu erzielen. 7 In der Zeitschrift erschienen Beiträge über Aktivitäten zur Förderung des Taylorismus und verwandter Denkströmungen in einer Reihe von Ländern. So berichtete ein Techniker der Automobilfabrik Daimler in Wiener Neustadt, wie dieses Unternehmen seine Lehrlinge durch psychotechnische Tests auf ihre Eignung prüfte, um die besten Kandidaten zu erhalten. Zuvor waren viele Lehrlinge aufgrund der Leistungen ihrer Väter für den Betrieb bzw. durch deren persönliche Beziehungen ausgewählt worden. Nunmehr wurden bei den gezielten Untersuchungen Augenmaß, Feingefühl und Geschick der Hände sowie das technische Verständnis der Kandidaten überprüft. 8
Tayloristisches Gedankengut machte sich auch außerhalb von Betrieben bemerkbar. So wurde im Juli 1926 in Wien eine „Österreichische Gesellschaft für die Technik im Haushalt“ gegründet. Ihre Ziele waren Forschung und praktische Versuche zur Rationalisierung weiblicher Hausarbeit, Zeit- und Kraftersparnis bei den damit verbundenen Tätigkeiten sowie die Förderung von Produktion und Absatz verbesserter hauswirtschaftlicher Geräte und Utensilien. 9 Auch das innovative Konzept der Fließbandarbeit wurde aufgegriffen. 1913 war dieses von Henry Ford in Detroit öffentlichkeitswirksam für die Automobilerzeugung eingeführt worden und fand alsbald Nachahmer. So musste die
6 P. Bretschneider: Österreich in der internationalen Gemeinschaftsarbeit auf technisch-wissenschaftlichem Gebiet, in: Wilhelm Exner (Hg.): 10 Jahre Wiederaufbau. Die staatliche, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Republik Österreich 1918-1928. Wien 1928, S. 485-487.
7 Rudolf von Granichstaedten-Czerva: Der Taylorismus - die Rettung aus unserer Wirtschaftsnot! In: Taylor-Zeitschrift. Monatshefte für wissenschaftliche Betriebsführung und rationale Wirtschaft unter besonderer Berücksichtigung des Taylor-Systems, Jahrgang 1 (1920), Heft 4, S. 57f.
8 Reinhard Mildner: Die Eignungsprüfung an Lehrlingen bei der Aufnahme für die Österreichische Daimler-Motoren-A.-G. in Wiener-Neustadt, in: Taylor-Zeitschrift, Jahrgang 4 (1923), Heft 7, S. 42-44, Heft 9, S. 53-61. Diese Maßnahmen bei Daimler fanden auch international anerkennende Erwähnung: Paul Devinat: Scientific Management in Europe (= International Labour Office, Studies and Reports Series B, 17). Genf 1927, S. 75.
9 Richard Lotties: Die Österreichsche Gesellschaft für Technik im Haushalt, in: Taylor-Zeitschrift, Jahrgang 7 (1926), Heft 7/8, S. 51 -57. Zur Diskussion des Taylorismus vgl. auch Richard Vahrenkamp: Von Taylor zu Toyota. Rationalisierungsdebatten im 20. Jahrhundert. Lohmar, Köln 2010, S. 3-74.
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