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2018: Band 80 (2018): Zukunft
Entstehung
Seite
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Geschichte der Zukunft

Joachim Radkau:

Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute.

München: Carl Hanser Verlag 2017, 544 Seiten.

Die Geschichte früherer Vorstellungen von Zukunft hat in den vergangenen 20 Jahren einige Aufmerksamkeit erfahren. Das hat wohl auch mit dem raschen technisch-ökonomisch-gesellschaftlichen Wandel zu tun; er lenkt den Blick gleichermaßen auf die Zukunft wie auch auf ihre Vergangenheit.

Joachim Radkau legt, wie man es von ihm gewohnt ist, ein ausgesprochen ma­terialreiches Buch zum Thema vor. Es ist einigermaßen chronologisch geglie­dert; Radkau verleiht, beginnend mit der frühen Nachkriegszeit, den verschiede­nen Zeiträumen ihre typischen Signaturen. Viele Anregungen für futuristisches Denken und zukunftsorientiertes Handeln hatten ihren Ursprung in den USA, darunter Diskussionen über die neue Systemwissenschaft der Kybernetik, die friedliche Nutzung der Atomkraft sowie über Automation und den Einsatz von Robotern in der industriellen Fertigung. Die 1960er- und 1970er-Jahre stellten, unter anderem mit der Mondlandung, eine besonders intensive, wenn auch eher kurze Zeit einen ganz stark ausgeprägten Zukunftsoptimismus dar. Thematisiert werden ferner die Sorge um das deutsche Bildungswesen, die ideologisch mo­tivierte Betonung vonZukunft in der DDR, die Erwartung neuartiger Erschei­nungsformen von Arbeit, die modernen Ansprüche der Konzepte vonIndust­rie 4.0 als der angeblich vierten industriellen Revolution (der Begriff wurde in Deutschland geprägt) und das Verhältnis der Umweltbewegung zur Zukunft.

In seinen Ausführungen macht Radkau mehrfach deutlich, dass seit 1945 zwar eine Reihe von Publikationen erschienen ist, deren Autoren bestimmte Aspekte der Zukunft geradezu enthusiastisch vorhersagten, dass aber große Teile der deutschen Bevölkerung etwa gegenüber den Verheißungen der Kerntechnik und angesichts von Raumfahrtfantasien skeptisch blieben (S. 153, 190). Viele der Verfasser sind heute ebenso vergessen wie ihre Studien; eine Ausnahme bildet sicher der einflussreiche Intellektuelle Robert Jungk, der 1994 in Salzburg verstarb und dort begraben wurde. Radkau bezieht auch einige aus (Alt-)Öster- reich gebürtige Publizisten und Forscher in seine Darstellung ein, beispielsweise Hans Thirring (1888-1976), Willi Schlamm (1904-1978), Günther Schwab (1904-2006), Eugen Sänger (1905-1964), Hans Selye (1907-1982), Peter F. Drucker (1909-2005), Andre Gorz (1924-2007) und Ivan lllich (1926-2002).

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