Geschichte der Zukunft
Trotz der vielen in der Darstellung Genannten fehlt doch der eine oder andere Name. So nennt Radkau die auch in Deutschland einflussreichen Werke von US-Amerikanern wie Alvin Toffler („Der Zukunftsschock“, 1970) und Ernst Callenbach („Ökotopia“, 1975). Zu ergänzen wäre der Computervisionär und Unternehmer John Diebold (1926-2005), dessen Buch „Automation“ im amerikanischen Original 1952 erschien und 1955 unter dem Titel „Die automatische Fabrik“ ins Deutsche übersetzt wurde. An nichtwissenschaftlicher Zukunftsliteratur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zitiert Radkau an einer Stelle einen aus heutiger Sicht recht uninspiriert geschriebenen Sammelband zum Thema „Die Welt in hundert Jahren“, der im Jahr 1910 erschien (S. 110f.), nicht aber das Werk des deutschen Publizisten Anton Lübke „Technik und Mensch im Jahr 2000“. Der Autor - über dessen Leben bislang fast gar nichts bekannt ist - stellte darin eine Reihe erstaunlich zutreffender Prognosen auf, sein Buch ist heute ein Geheimtipp. Auch ein Hinweis auf einen hochinteressanten utopischen Roman hätte sich angeboten, nämlich auf „Das Automatenzeitalter“, das der deutsche Chemiker Ludwig Dexheimer 1931 unter dem Pseudonym Ri Tok- ko veröffentlichte. Wohl etwas überzogen ist Radkaus Urteil, dass nach 1945 „die Science-Fiction-Literatur in der Bundesrepublik kein literarisches Niveau erreichte, sondern nur in Groschenheften, allen voran Perry Rhodan, ihr Dasein fristete“ (S. 250). Doch trifft es sicher zu, dass etwa der aus Wien gebürtige Herbert W. Franke oder Angela und Karlheinz Steinmüller in der DDR darin einen höheren Rang beanspruchen konnten. Bleibt die Frage, warum Westdeutschland hier zurückblieb? Erst in den vergangenen Jahren erlangten SF-Autoren wie Andreas Eschbach und Frank Schätzing einen höheren Bekanntheitsgrad. In seinen beträchtlich vielen Fußnoten zum Text verfährt Radkau oftmals auf ärgerliche Art feuilletonistisch. Er wird nicht müde zu erzählen, auf welche oftmals verschlungene Art und über welche persönlichen Kontakte er zu den Grundlagen für seine Ausführungen gekommen ist. Man versteht auch nicht, welche Funktion die mehreren Dutzend Ausrufezeichen im Anmerkungsapparat seiner Darstellung erfüllen sollen. Insgesamt ist das Buch aber anregend zu lesen. Ohne Zweifel wurde hier eine wichtige Lücke in der deutschen Geschichtsschreibung über das 20. und frühe 21. Jahrhundert geschlossen.
Hubert Weitensfelder Wien
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