Handlungsfähigkeit und Geschlecht
Tanja Carstensen
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung
Einleitung
Technik und Geschlecht stehen in einem wechselseitig konstitutiven Verhältnis zueinander. Gender and Technology Studies haben immer wieder untersucht, welche Zugangshürden zu Technik bestehen, wie sich Technik als Männerkultur konstituiert, wie Geschlechtsidentitäten durch Technik mitgeprägt werden sowie auch inwiefern Vorstellungen von unterschiedlichen Nutzer*innen und Nutzungsweisen, vergeschlechtlichten Arbeitsteilungen und Interessen in die Technikentwicklung einfließen und sich im technischen Artefakt materialisieren. Und schließlich hat es eine lange Tradition zu untersuchen, inwiefern Technologien ein befreiendes oder einschränkendes Potenzial bergen und wie sich feministische Politik mit Technik verändert. 1
Diese Vergeschlechtlichungsprozesse lassen sich auch an den sich aktuell verbreitenden digitalen Technologien und Prozessen, die als „Digitalisierung“ bezeichnet werden, erkennen. Eine Frage, die in Technik- und Geschlechterforschung sowie in aktuellen Ansätzen sozialwissenschaftlicher Digitalisierungsforschung oft - wenn auch teilweise nur implizit - mitverhandelt wird, ist, inwiefern sich Handlungsspielräume bzw. Handlungsfähigkeit mit (digitalen) Technologien verändern. Digitalisierung, als Sammelbegriff für heterogene Phänomene wie Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, Soziale Medien, Self-Tracking, Algorithmen etc., gilt zwar einerseits als Erweiterung von Handlungs- und Ausdrucksmöglichkeiten; andererseits kommen immer mehr Forschungen zu dem Ergebnis, dass in Arbeitsprozessen, aber auch im Alltag Kontrolle und Überwachungsmöglichkeiten zunehmen, Algorithmen zunehmend menschliche Handlungen lenken bzw. manipulieren und ambivalente Anforderungen an Selbst-
1 U. a. Cynthia Cockburn: Die Herrschaftsmaschine. Geschlechterverhältnisse und technisches Know-how. Berlin, Hamburg 1988; Judy Wajcman: Technik und Geschlecht. Frankfurt, New York 1994; Donna Haraway: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt am Main, New York 1995; Corinna Bath: De-Gendering informatischer Artefakte. Grundlagen einer kritisch-feministischen Technikgestaltung. Dissertation, Bremen 2009; Tanja Paulitz: Mann und Maschine. Eine genealogische Wissenssoziologie des Ingenieurs und der modernen Technikwissenschaften. 1850-1930. Bielefeld 2012.
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