Aufsatz 
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung / Tanja Carstensen
Entstehung
Seite
44
Einzelbild herunterladen

Tanja Carstensen

disziplin und Selbstdarstellung an die Subjekte gestellt werden. In Bezug auf Geschlechterverhältnisse weist u. a. Wajcman auf die Möglichkeiten für Neu­verhandlungen von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen in Phasen techno­logischen Wandels hin. 2 Insgesamt bleiben diese Fragen aber meist nur indirekt beantwortet.

Der Text verfolgt daher die Frage, wie sich - aus Geschlechterperspektiven - Handlungsfähigkeit in Digitalisierungsprozessen konstituiert bzw. verändert und inwiefern sich möglicherweise Verschiebungen in den Geschlechterverhält­nissen zeigen. Hierfür bezieht sich der Text auf Ansätze aus den Science and Technology Studies (STS), der feministischen Medien- und Internetforschung, dem new feminist materialism, der Arbeits- und Techniksoziologie und der di­gital labor-Debatte. Diese, in ihren Herangehensweisen heterogenen, Ansätze werden jeweils vorgestellt und hinsichtlich ihres theoretischen und empirischen Beitrags zur Frage nach (veränderter) Handlungsfähigkeit durch Digitalisierung diskutiert. Es werden damit verschiedene aktuelle Forschungsansätze betrach­tet und zusammengeführt, die in unterschiedlichen subdisziplinären Kontexten entwickelt wurden und bisher meist unverbunden sind. Gleichzeitig bezieht sich der Text auf erste Ergebnisse aus dem laufenden ForschungsprojektWan­del der Geschlechterverhältnisse durch Digitalisierung (gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung), das Fallstudien mit qualitativen Interviews in Unterneh­men durchführt, die mit digitalen und mobilen Technologien flexible Arbeitsar­rangements eingeführt haben.

Digitalisierung als Erweiterung und Begrenzung von Handlungsfähigkeit

Sozialwissenschaftliche Untersuchungen, STS und medien- und kommunikati­onswissenschaftliche Analysen digitaler Technologien sind bereits seit Langem umfänglich, wenn auch oft implizit, mit Fragen nach Handlungsfähigkeit befasst. Internet und Social Media wurden schon seit den 1990er-Jahren mit positiven Szenarien und Analysen verbunden: Neben den Möglichkeiten zu Identitätsex­perimenten 3 wurden und werden oftmals die Potenziale für Demokratisierung, Partizipation, Solidarität, Vernetzung und kritische Gegenöffentlichkeiten be­tont. Münker sieht insbesondere in den Web-2.0-Technolgien, densozialen

2 Judy Wajcman: TechnoFeminism. Cambridge 2004.

3 Sherry Turkle: Life on the Screen. Identity in the Age of Internet. New York, London 1997.

44