Aufsatz 
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung / Tanja Carstensen
Entstehung
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Handlungsfähigkeit und Geschlecht

Medien, eine Bereicherung unserer Ausdrucks- und Handlungsmöglichkeiten . 4 Demgegenüber fokussiert eine Reihe soziologischer Analysen aktuell die Inten­sivierung ökonomischer und politischer Machtverhältnisse sowie die Etablierung neuer Regime der Überwachung, Selbstoffenbarung, Selbstausbeutung, Diszi­plinierung und Kontrolle. Anlass hierfür sind u. a. die Macht- und Monopolstel­lungen von Internetkonzernen wie Facebook, Amazon, Alphabet und Microsoft 5 , die scheinbare Handlungsmacht von Bots, Robotern, Plattformen und Algo­rithmen sowie deren Möglichkeiten, menschliche Handlungen zu beeinflussen; oder auch Self-Tracking-Apps, die eine neue Stufe der Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle etablieren . 6 Auch die zunehmende Ubiquität digitaler Techno­logien stützt diese Einschätzungen; diese durchdringen den Alltag, permanent produzieren sie mit oder ohne menschliche Hilfe Daten, die von Algorithmen weiterverarbeitet werden und neue Handlungsvorschläge erzeugen. Dabei wer­den sie immer kleiner, unsichtbarer und in ihren Funktionen und Möglichkeiten immer undurchschaubarer . 7

Versuche theoretischer Konzeptualisierungen digitaler Handlungsfähigkeit fal­len im Anschluss hieran daher insgesamt eher pessimistisch aus: Unter Bezug­nahme auf Foucaults Gouvernementalitätstheorie werden digitale Technologien beispielsweise alsPrototyp neoliberaler Regierungstechnologie 8 gedeutet. Staab und Nachtwey weisen am Beispiel der bei Amazon eingesetzten Hand­scanner auf neue Formen (betrieblicher) Herrschaft und Kontrolle durch digita­le Technologien hin, die die Autonomie der Beschäftigten durch engmaschige Überwachung auf ein Minimum reduzieren . 9 Zudem werden die hohen Anfor­derungen durch digitale Technologien im Arbeitsprozess deutlich; Selbstma­nagement (in Bezug auf Informationen, Zeit, Kommunikation, Beziehungen), Offentlichsein, Selbstpräsentation undSharing, aber auch der Umgang mit (normierenden und diskriminierenden) technischen Funktionen, Eigensinn und Störungen werden zu alltäglich zu bewältigenden Aufgaben, die nicht selten als

4 Stefan Münker: Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die Sozialen Medien im Web 2.0. Frankfurt am Main 2009.

5 Ulrich Dolata, Jan-Felix Schrape: Kollektivität und Macht im Internet. Soziale Bewegungen - Open Source Communities - Internetkonzerne. Wiesbaden 2018.

6 Stefanie Duttweiler, Jan-Hendrik Passoth: Self-Tracking als Optimierungsprojekt? In: Stefanie Duttweiler, Robert Gugutzer, Jan-Hendrik Passoth u. a. (Hg.): Leben nach Zahlen. Self-Tracking als Optimierungsprojekt. Bielefeld, S. 9-42.

7 Deborah Lupton: Digital sociology. London, New York 201 5, hier S. 1f.

8 Ramon Reichert: Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0. Biele­feld 2008; Oliver Leistert, Theo Röhle (Hg.): Generation Facebook. Über das Leben im Social Net. Bielefeld 2011.

9 Philipp Staab, Oliver Nachtwey: Die Avantgarde des digitalen Kapitalismus, in: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 24 (2015), Heft 6, S. 59-84.

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