Aufsatz 
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung / Tanja Carstensen
Entstehung
Seite
46
Einzelbild herunterladen

Tanja Carstensen

kaum erfüllbar und als Belastungen empfunden werden . 10 Bauman und Lyon be­obachten eine Gewöhnung an einensorglosen Umgang der Subjekte mit der (unbemerkten) Erhebung personenbezogener Daten . 11 Und Priddat rechnet mit einer grundlegenden Veränderung menschlichen Handelns, wenn auf Grund­lage von Datenerfassungen und -auswertungen Vorhersagen darüber möglich werden, was Nutzer*innen als nächstes tun werden, und diese statt zu planen und zu urteilen nur noch reflexhaft auf Algorithmen basierte Handlungsvorschlä­ge reagieren:Wir können nicht mehr mit der distanzierten rational-choice-Ur- teilsmechanik arbeiten, bei der das .freie Subjekt * 1 die Dinge objektiv aussucht, sondern das Produkt sucht sich bereits selber den Käufer, indem es aufgrund des data-profiling eine Kognition/Emotion-Kopplung anbietet, die die Konsu­menten umso bereitwilliger annehmen, als sie darin ihre eigene Kaufbiographien sublim wiedererkennen . 12

Hier werden bereits zentrale Fragen adressiert: Verlieren menschliche Ak- teur*innen ihre (souveräne) Handlungs- und Entscheidungsmacht, angesichts von Algorithmen, Big Data und der großen Internetkonzerne? Oder eröffnen digitale Technologien Handlungsräume und erweitern die Möglichkeiten, sich auszudrücken, sich zu vernetzen sowie mobiler und flexibler zu agieren? Diese Fragen sind auch aus Geschlechterperspektiven interessant; gleichzeitig stellen sich aus einer solchen Perspektive weitere Fragen: Inwiefern verändern sich mit digitalen Technologien Handlungsspielräume jenseits starrer zweigeschlecht­licher Verhältnisse? Inwiefern entstehen beispielsweise mit der Digitalisierung der Arbeit Möglichkeiten für neue Arbeitsteilungen und neue Arrangements von Erwerbsarbeit und unbezahlter Arbeit - und damit neue Handlungsspielräume für Menschen mit Kindern? Werden die Technologien für Empowerment oder die Stärkung queer-feministischer Politiken genutzt? An welchen Stellen ver­schärfen sich mit den digitalen Technologien Geschlechterungleichheiten? Und inwiefern und auf welche Weise konstituieren digitale Technologien Geschlech­terverhältnisse mit?

10 Tanja Carstensen: Neue Anforderungen und Belastungen durch digitale und mobile Technolo­gien, in: WSI-Mitteilungen 68 (2015), Heft 3, S. 187-193; Tanja Carstensen: Social Media in der Arbeitswelt. Herausforderungen für Beschäftigte und Mitbestimmung. Bielefeld 2016.

11 Zygmunt Bauman, David Lyon: Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwa­chung, Berlin 2013, hier S. 31.

1 2 Birger Priddat: Homo Dyctos: Netze, Menschen, Märkte. Über das neue Ich: market-generated

identities. Marburg 2014, hier S. 75.

46