Aufsatz 
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung / Tanja Carstensen
Entstehung
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Handlungsfähigkeit und Geschlecht

Um diese Fragen zu beantworten, werden im Folgenden verschiedene Ansätze vorgestellt und auf ihre Konzeptionen und empirischen Ergebnisse zu Hand­lungsfähigkeit im Kontext von Digitalisierung gesichtet und diskutiert.

Genderscripts: Stereotypisierungen, Normierungen und Ausrichtungen

Zunächst ist naheliegend für die Frage nach Handlungsfähigkeit die Bedeu­tung der Materialität digitaler Technologien für die Konstitution von Handlungs­fähigkeit zu betrachten: Insbesondere STS haben hierbei darauf aufmerksam gemacht, dass gesellschaftliche Verhältnisse als Strukturen, Repräsentationen und Vorstellungentypischer Nutzer*innen und Nutzungsweisen bereits wäh­rend des Herstellungsprozesses einer Technik von Bedeutung sind und in die Gestaltung von Artefakten einfließen. Diejenigen, die die Technik entwerfen und entwickeln, orientieren sich - oft unbewusst - an ihren eigenen Alltagsrealitäten und den damit verbundenen Vorstellungen vonguter Technik undnormalen User*innen und treffen auf dieser Grundlage Entscheidungen für ein bestimm­tes Design der Technik. Daher, so u. a. Akrich, enthalten die fertigen techno­logischen ArtefakteSkripte:[innovatorsinscribe a specific vision about the world into the technical content of the new object ". 13 DieseSkripte" adressie­ren vermeintliche Interessen, Fähigkeiten, Motive und Verhaltensweisen zukünf­tiger User*innen und ermöglichen oder begrenzen auf diese Weise menschliche Handlungen durch ihr Design.

Die hierbei eingeschriebenen Kategorisierungen und auch Stereotypisierungen haben nicht selten eine Geschlechterdimension, denn in diesen Prozessen der Gestaltung von Technik fließen auch Vorstellungen von Geschlechterverhält­nissen ein, die sich im Design der Technologien materialisieren. Feministische Technikforscher*innen aus den STS haben denSkript-Ansatz daher weiter­entwickelt und gezeigt, inwiefern sich polare Geschlechterrepräsentationen und stereotype Handlungsvorschläge in technischen Artefakten wiederfinden. Mitgenderscripts 14 werden Gestaltungsweisen von Technik bezeichnet, in

13 Madeleine Akrich: The de-scription of technical objects, in: Wiebe E. Bijker, John Law (Hg.): Sha­ping technology/building society. Studies in sociotechnical change. Cambridge, MA 1992, S. 205-224, hier S. 208.

14 Anne-Jorunn Berg, Merete Lie: Feminism and constructivism. Do artifacts have gender? In: Sci­ence, Technology and Human Values 20 (1993), Heft 3, S. 332-351; Ellen van Oost: Materi­alized gender: How shavers configure the users femininity and masculinity, in: Nelly E. J. Ouds- hoorn, Trevor J. Pinch (Hg.): How users matter: The co-construction of users, Cambridge, MA 2003, S. 194-208.

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