Handlungsfähigkeit und Geschlecht
Um diese Fragen zu beantworten, werden im Folgenden verschiedene Ansätze vorgestellt und auf ihre Konzeptionen und empirischen Ergebnisse zu Handlungsfähigkeit im Kontext von Digitalisierung gesichtet und diskutiert.
Genderscripts: Stereotypisierungen, Normierungen und Ausrichtungen
Zunächst ist naheliegend für die Frage nach Handlungsfähigkeit die Bedeutung der Materialität digitaler Technologien für die Konstitution von Handlungsfähigkeit zu betrachten: Insbesondere STS haben hierbei darauf aufmerksam gemacht, dass gesellschaftliche Verhältnisse als Strukturen, Repräsentationen und Vorstellungen „typischer“ Nutzer*innen und Nutzungsweisen bereits während des Herstellungsprozesses einer Technik von Bedeutung sind und in die Gestaltung von Artefakten einfließen. Diejenigen, die die Technik entwerfen und entwickeln, orientieren sich - oft unbewusst - an ihren eigenen Alltagsrealitäten und den damit verbundenen Vorstellungen von „guter“ Technik und „normalen“ User*innen und treffen auf dieser Grundlage Entscheidungen für ein bestimmtes Design der Technik. Daher, so u. a. Akrich, enthalten die fertigen technologischen Artefakte „Skripte”: „[innovators ‘inscribe’ a specific vision about the world into the technical content of the new object ". 13 Diese „Skripte" adressieren vermeintliche Interessen, Fähigkeiten, Motive und Verhaltensweisen zukünftiger User*innen und ermöglichen oder begrenzen auf diese Weise menschliche Handlungen durch ihr Design.
Die hierbei eingeschriebenen Kategorisierungen und auch Stereotypisierungen haben nicht selten eine Geschlechterdimension, denn in diesen Prozessen der Gestaltung von Technik fließen auch Vorstellungen von Geschlechterverhältnissen ein, die sich im Design der Technologien materialisieren. Feministische Technikforscher*innen aus den STS haben den „Skript“-Ansatz daher weiterentwickelt und gezeigt, inwiefern sich polare Geschlechterrepräsentationen und stereotype Handlungsvorschläge in technischen Artefakten wiederfinden. Mit „genderscripts “ 14 werden Gestaltungsweisen von Technik bezeichnet, in
13 Madeleine Akrich: The de-scription of technical objects, in: Wiebe E. Bijker, John Law (Hg.): Shaping technology/building society. Studies in sociotechnical change. Cambridge, MA 1992, S. 205-224, hier S. 208.
14 Anne-Jorunn Berg, Merete Lie: Feminism and constructivism. Do artifacts have gender? In: Science, Technology and Human Values 20 (1993), Heft 3, S. 332-351; Ellen van Oost: Materialized gender: How shavers configure the users’ femininity and masculinity, in: Nelly E. J. Ouds- hoorn, Trevor J. Pinch (Hg.): How users matter: The co-construction of users, Cambridge, MA 2003, S. 194-208.
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