Aufsatz 
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung / Tanja Carstensen
Entstehung
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Tanja Carstensen

denen (bewusste und unbewusste) Vorstellungen weiblicher und männlicher User*innen, geschlechtstypischer Interessen und Fähigkeiten, Arbeitsteilungen bzw. Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit in den Konstruktionsprozess ein­fließen und sich in dem fertigen Produkt „verfestigen“ bzw. „materialisieren“. Diese haben dann, und das ist für die hier verfolgte Frage der entscheidende Punkt, wiederum Einfluss auf das Handeln der User*innen, prägen dieses mit, formulieren Handlungsaufforderungen und haben Effekte auf Identitäten und Handlungsmöglichkeiten der User*innen.

Dass auch digitale Technologien solche Genderskripte enthalten, haben bereits früh erste Untersuchungen gezeigt . 15 Diese wiesen zunächst auf die männlich geprägten Entstehungskontexte hin (Militär, Wissenschaft, Hacker-Szene) und zeigten beispielsweise, dass die Inhalte vor allem an männlichen Interessen orientiert waren: Auto, Computerspiele, Sport und Pornografie machten einen Großteil der Internet-Angebote aus . 16 Besonders auffällig werden heteronor­mative Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit an den Anmeldeformularen und Pflichtfeldern in den Persönlichkeitsprofilen vieler sozialer Netzwerke, die zunächst eine Angabe als entweder „weiblich“ oder „männlich“ erforderten; an­dernfalls war eine Anmeldung nicht möglich . 17 Lupton und Thomas untersuchen mobile Apps zum Thema Schwangerschaft, die u. a. als Self-Tracking-Tools genutzt werden können, und zeigen, dass diese eine Reihe reduktionistischer, heteronormativer, bevormundender und paternalistischer Stereotype aufwei­sen, indem sie beispielsweise auf eine glücklich schwangere, in heterosexu­eller Zweierbeziehung lebende Nutzerin ausgerichtet sind . 18 Strick untersucht das iPhone aus queeren Perspektiven und fragt, inwiefern dieses menschliche Handlungen in heteronormativer Weise normalisiert und standardisiert. Er ver­folgt die Annahme, dass das iPhone an der „Begradigungsarbeit“ von Körpern und Begehren, Lebensstilen und Geschlechtsidentitäten beteiligt ist. Und ob­wohl es Apps gibt, die helfen, das queere Leben zu organisieren (z. B. Naviga­tionssoftware für genderneutrale Toiletten), betont er den sauberen, straighten

15 Tanja Carstensen: Verhandlungen von Geschlecht und Feminismus im Web 2.0, in: Birgit Riegraf, Hanna Hacker, Heike Kahlert u. a. (Hg.): Geschlechterverhältnisse und neue Öffentlichkeiten. Münster 2013, S. 112-127.

1 6 Johanna Dorer: Gendered Net: Ein Forschungsüberblick über den geschlechtsspezifischen Um­gang mit neuen Kommunikationstechnologien, in: Rundfunk und Fernsehen 45 (1997), Heft 1, S. 19-29.

17 Henning Wötzel-Herber: Doing Me and the Others. Identitätskonstruktionen in Online-Communi­ties. Masterarbeit Universität Hamburg 2008, hier S. 38.

18 Deborah Lupton, Gareth Martin Thomas: Playing pregnancy: the ludification and gamification of expectant motherhood in Smartphone apps, in: M/C Journal 18 (2015), Heft 5, http://journal. media-culture.org.au/index.php/mcjournal/article/viewArticle/1012

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