Handlungsfähigkeit und Geschlecht
und klaren Charakter des iPhones: Das Gerät lässt sich nicht öffnen, es verbirgt sein Innenleben, versteckt seinen technologischen Körper ebenso wie seine - neokolonialen und ausbeuterischen - Produktionsverhältnisse. Alles bleibt hier an der Oberfläche; eine intime User Experience kann nur gelingen, wenn die User*innen sich an diese glatte Oberfläche anpassen . 19 Die Macht der Gestalter*innen und Betreiber*innen von Technik lässt sich auch daran erkennen, dass beispielsweise soziale Netzwerke die Nutzungsbedingungen festlegen und definieren, was „richtige“ Inhalte sind. So löschte Facebook zum Beispiel Fotos von stillenden Müttern, weil diese als anstößig und Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen definiert wurden . 20 Besonders evident werden diskriminierende Programmierweisen aktuell auch an Algorithmen, die etwa der Google-Autocomplete-Funktion zugrunde liegen und die deutliche Differenzen zwischen den Vervollständigungen der Suchanfrage nach „Jungen dürfen nicht“ und „Mädchen dürfen nicht“ aufweisen. Auch die Algorithmen, die Suchanfragen und Käufe aufzeichnen und auswerten, hierarchisieren, bewerten und auf dieser Grundlage neue Handlungsvorschläge machen sowie personalisierte Werbeanzeigen schalten, sind oftmals stereotyp an Differenzkategorien orientiert.
Diese exemplarisch ausgewählten Befunde verdeutlichen, wie Genderskrip- te Handlungsfähigkeit mitprägen - indem sie starre oder diskriminierende Vorgaben für geschlechtliche Positionierungen machen, in denen nicht alle Menschen repräsentiert sind, indem sie an Stereotypen heterosexueller Beziehungen, Elternschaft, Männlichkeit und Weiblichkeit ansetzen und indem sie Körper normieren, an Begradigungsarbeit gewöhnen und beispielsweise an den glatten Oberflächen alltäglicher Objekte gesellschaftliche Widersprüche verunsichtbaren.
Handlungsfähige User*innen: Spielräume in Nutzung, Selbstdarstellung und Kämpfe um Gestaltung
Insbesondere STS haben aber auch herausgearbeitet, dass technische Vorgaben bzw. Skripte nicht abschließend sind; sie bleiben flexibel und determinieren Praktiken nicht vollends. Nutzer*innen werden als relevante, deutungsmächtige und handlungsfähige Akteur*innen untersucht, die trotz aller Materialität von Ar-
19 Simon Strick: Straight Screen: Begradigungsarbeit am iPhone, in: Feministische Studien (201 2), Heft 2, S. 228-244.
20 Carstensen, Verhandlungen, siehe Anmerkung 15.
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