Aufsatz 
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung / Tanja Carstensen
Entstehung
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Tanja Carstensen

tefakten und (vermeintlicher) Sachzwänge eigensinnig im Umgang mit Technik agieren und Einfluss auf die Art und Weise haben, wie Technik in den Alltag integriert wird . 21 User*innen können die technischen Handlungsaufforderungen annehmen, sie aber auch verändern, neu interpretieren, strategisch nutzen, sie ablehnen, verweigern, ignorieren und zu Nicht-Nutzer*innen werden. Mittlerweile liegen, gerade aus medien- und kommunikationswissenschaftlichen Forschungen zahlreiche Ergebnisse dazu vor, dass digitale Technologien zwar auch, aber nicht nur genutzt werden, um Geschlechterverhältnisse zu befesti­gen, sondern dass sie höchst unterschiedliche Ansatzpunkte für Nutzungswei­sen bieten, die neue Geschlechtsidentitäten, Arbeitsteilungen, Bilder erproben und etablieren können und auf Handlungsspielräume verweisen.

So belegen zwar verschiedene Studien das Beharren auf, die Überbetonung und die stereotypen Darstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit durch User*innen beispielsweise in sozialen Medien . 22 Andere Untersuchungen iden­tifizieren heterogene Darstellungen von Weiblichkeit auf Weblogs, zeigen, dass die Spielräume für Darstellungen von Männlichkeiten hier vergleichsweise en­ger sind 23 oder verweisen auf die Brüche in hegemonialen Geschlechterbildern wie z. B. durchMamablogs, die über die Sicht auf die eigene, als negativ empfundene Mutterschaft berichten . 24 Auch zeigen Studien subversive, ironi­sche und widerständige Selbstpräsentationen sowie Ausdruckmöglichkeiten für unterschiedlichste sexuelle Orientierungen, mit denen stereotype und binäre Geschlechternormen sowie hegemoniale Vorstellungen von Sexualität in Text und Bild in sozialen Medien unterlaufen werden. Beispiele hierfür sind Fotos von Frauen mit Bärten auf Flickr, die eingeübte Sehgewohnheiten irritieren 25 , oder Transpersonen, die Prozesse körperlicher Veränderungen über regelmäßi­ge Selfies dokumentieren und veröffentlichen . 26

21 Oudshoorn, Pinch, siehe Anmerkung 14.

22 Nicola Döring, Anne Reif, Sandra Pöschl: How gender-stereotypical are selfies? A content ana­lysis and comparison with magazine adverts. Computers in Human Behavior 55 (2006), Heft B, S. 955-962.

23 Niels Van Doom, Liesbet van Zoonen, Sally Wyatt: Writing from experience: Presentations of gender identity on weblogs, in: European Journal of Womens Studies 14 (2007), Heft 2, S. 143-159.

24 Kate Orton-Johnson: Mummy blogs and representations of motherhood:Bad mummies" and their readers, in: Social Media + Society 3 (2017), Heft 2, S. 1 -10.

25 Birgit Richard, Jan Grünwald, Marcus Recht u.a.: Flickernde Jugend - Rauschende Bilder. Netz­kulturen im Web 2.0. Frankfurt am Main, New York 2010, hier S. 210-249.

26 Sonja Vivienne, Paul Byron, Crystal Abidin u.a.: Patrolling sexuality and gender in digital social spaces. Paper presented at AoIR 2016: The 17th Annual Meeting of the Association of Internet Researchers. Berlin, Germany, 5.-8. October.

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