Aufsatz 
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung / Tanja Carstensen
Entstehung
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Handlungsfähigkeit und Geschlecht

Noch deutlicher werden Handlungsspielräume mit und gegenüber Technik an Auseinandersetzungen, die in den letzten Jahren von User*innen geführt wur­den. Die binären, stereotypen und diskriminierenden Programmierweisen und Einschreibungen in Design, Sprache und Inhalte des Internets waren und sind immer wieder Anlass, dass sich User*innen zu kollektivem Protest zusammen finden, das Design von Technik kritisieren und die Betreiber*innen oder Unter­nehmen auffordern, dieses zu überarbeiten. Diskussionen um die Frage, wie di­gitale Technologien gestaltet sein sollen, sind dabei oft auch ein Austragungsort für den Umgang mit Diskriminierungen und Ungleichheiten. So kämpften z. B. Gruppen wieFor a queer positive facebook... für mehr Auswahlmöglichkeiten bei der Anmeldung. Facebook änderte inzwischen in der Tat seine Formulare und bietet mittlerweile 60 Optionen für Geschlecht an, auch die Dating-App Tinder gab bekannt, dass sie die Möglichkeiten der Angabe des Geschlechts aufDruck aus der Transgender-Szene hin auf 35 erhöht habe. 27 Google ent­schuldigte sich sofort, nachdem bekannt geworden war, dass seine Gesichts­erkennungssoftware Menschen mit dunklerer Hautfarbe als Gorillas klassifiziert hatte. 28 Daran wird nicht zuletzt deutlich, dass User*innen digitale Technologien als veränderbar wahrnehmen und für Umgestaltungen, die ihren Bedürfnissen entsprechen, kämpfen. 29

Digitaler Aktivismus, Sichtbarkeit für feministische Anliegen und der Kampf um Öffentlichkeiten

Die Auseinandersetzung mit dem Internet in der Geschlechterforschung war von Anfang an auch mit der Frage beschäftigt, inwiefern das Internet für Emp­owerment, das Erreichen größerer Öffentlichkeiten und eine Stärkung feminis­tischer Politik nutzbar gemacht werden könnte. 30 In den vergangenen Jahren erhielt vor allem derHashtag-Aktivismus besondere Aufmerksamkeit. Unter

27 Bastian Rabeneck: Welches Geschlecht? Tinder führt 35 neue Möglichkeiten ein, in: Neue Osnabrücker Zeitung, 16.11.2016, https://www.noz.de/deutschland-welt/digitale-welt/arti- kel/806952/welches-geschlecht-tinder-fuehrt-35-neue-moeglichkeiten-ein; Von androgyn bis Zwitter, in: Frankfurter Allgemeine, 4.9.2014, http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/face- book-60-auswahlmoeglichkeiten-fuer-geschlecht-131351 40.html

28 Google entschuldigt sich für fehlerhafte Gesichtserkennung, in: Spiegel online, 2.7.2015, http:// www.spiegel.de/netzwelt/web/google-fotos-bezeichnet-schwarze-als-gorillas-a-1041693.html

29 Ausführlicher Tanja Carstensen: Gender trouble in web 2.0: Gender relations in social network sites, wikis and weblogs. International Journal of Gender, Science and Technology 1 (2009), Heft 1, http://genderandset.open.ac.Uk/index.php/genderandset/article/view/18

30 Heinrich Böll Stiftung, Feministisches Institut (Hg.): Feminist_Spaces im Netz. Diskurse, Commu­nities, Visionen. Königsstein im Taunus 2002.

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