Aufsatz 
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung / Tanja Carstensen
Entstehung
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Tanja Carstensen

Hashtags wie #YesAIIWomen, #aufschrei oder #MeToo initiierten Feminist*in- nen auf Twitter Kampagnen, die die Aufmerksamkeit u. a. auf die Alltäglichkeit von Sexismus und Gewalt gegen Frauen richten. User*innen posteten individu­elle Erlebnisse von Diskriminierung, Belästigung und sexueller Gewalt, die von den traditionellen Massenmedien aufgegriffen wurden. Mit Blick auf die Frage nach Handlungsfähigkeit zeigt sich hier, dass sich mit dem Digitalen aktivisti- sches und politisches Handeln verändert hat, und neue Formen von politischem Aktivismus mit digitalen Plattformen entstanden sind, die individuelle Erlebnisse mit kollektiven Handlungen verbinden . 31 Drüeke und Klaus sehen insbesondere in Twitter eineneigenständigen Diskursraum, der es ermöglicht, ein margina- lisiertes Thema zu diskutieren, kritische Positionen zu entwickeln sowie größere Öffentlichkeiten zu erreichen und zu mobilisieren . 32

Gleichzeitig kommt es allerdings auch zu Versuchen, diese Handlungsräume zu begrenzen: Feministische und queere Inhalte, Gleichstellungspolitik und Gen­der Studies werden von Maskulisten, Männerrechtlern und Rechtspopulisten massiv angegriffen, mit Ideologie- und Unwissenschaftlichkeitsvorwürfen bis hin zu Mord- und Vergewaltigungsdrohungen 33

Agentielle Schnitte: Verbundenheiten und Abtrennungen

Seit einigen Jahren werden darüber hinaus in STS und Gender Studies die Arbeiten von Karen Barad intensiv diskutiert . 34 Dieser so genannte new feminist materialism thematisiert Materialität noch weitreichender und wirkmächtiger, als die oben genannten Ansätze der Gender and Technology Studies dies tun. Hierbei wird Handlungsfähigkeit nicht als etwas verstanden, was menschliche Akteur*innen von vornhereinbesitzen. Die Beziehungen zwischen Menschen und Objekten bezeichnet Barad nicht mehr als Inter-Aktionen zwischen ver­schiedenen Entitäten, sondern als Intra-Aktionen. Der entscheidende Unter­schied ist, dass sich Intraaktionen nicht auf Relationen von zuvor existierende

31 Hester Baer: Redoing feminism: digital activism, body politics, and neoliberalism. Feminist Media Studies 16 (201 6), Heft 11, S. 17-34.

32 Ricarda Drüeke, Elisabeth Klaus: Öffentlichkeiten im Internet: Zwischen Feminismus und Anti­feminismus, in: Femina Politica 23 (2014), Heft 2, S. 59-70, hier: S. 64.

33 Kathrin Ganz, Anna-Katharina Meßmer: Anti-Genderismus im Internet. Digitale Öffentlichkeiten als Labor eines neuen Kulturkampfes, in: Sabine Hark, Paula-Irene Villa (Hg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld 2015, S. 59-79.

34 Karen Barad: Agentieller Realismus. Über die Bedeutung materiell-diskursiver Praktiken, Berlin 2012 .

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