Aufsatz 
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung / Tanja Carstensen
Entstehung
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Handlungsfähigkeit und Geschlecht

Relata beziehen 35 , sondern sie erlangen erst Bestimmtheit durch Intraaktionen. Zentral ist bei Barad hierfür der Begriff desagentiellen Schnitts 36 , der unter­scheidbare Entitäten erst durch Trennungen zwischen Subjekt und Objekt her­stellt. Körper und Dinge sind keine Gegenstände mit vorgegebenen Grenzen und Eigenschaften 37 , diese erhalten sie erst durchRelevanzbildung 38 .

Diese Idee ist für die Frage nach Handlungsfähigkeit in digitalisierten Kontexten insofern instruktiv, dass sie die Ubiquität, die Verwobenheiten und Untrennbar­keit des Digitalen und der menschlichen Akteur*innen und ihres Handelns denk­bar und vorstellbar macht. Algorithmen, Big Data und digitale Devices werden dann nicht mehr als per se Gegenüber des Menschlichen gedacht, sondern sind Teil von Beziehungen und Konfigurationen, in denen Menschen als solche erst durch Trennungen und Schnittetätig und handlungsfähig werden, andere Entitäten aber auch. Hinweise zu Handlungsfähigkeit als Erweiterung von Hand­lungsmöglichkeiten und -Spielräumen sind bei Barad im Begriff des Tätigseins zu finden:Tätigsein ist auf entscheidende Weise eine Sache der Intraaktion; es ist ein Vollzug, nicht etwas, das irgend jemand oder irgend etwas besitzt. Es kann nicht als ein Attribut von Subjekten oder Objekten bezeichnet werden (da sie als solche nicht schon zuvor existieren). [...] Es ist der Vollzug schrittwei­ser Rekonfigurationen topologischer Mannigfaltigkeiten von Raum-Zeit-Mate­rie-Beziehungen - durch die Dynamik der Intraaktivität. Beim Tätigsein geht es um die Veränderung von Veränderungsmöglichkeiten [...], einschließlich der Gliederung von Grenzen und der Ausschlüsse, die von diesen Praktiken beim Vollzug der Kausalstruktur markiert werden . 39

Handlungsfähigkeit bzw. die hier beschriebenenVeränderungsmöglichkeiten entstehen also in Rekonfigurationen von Beziehungen und dies nicht ausschließ­lich durch menschliche Akteur*innen initiiert, sondern innerhalb der Dynamiken der Intraaktivität. Diese Intraaktionen sind aber keinesfalls beliebig, sondern un­terliegen, so Barad, durchaus der Verpflichtung, verantwortlich zu intraagieren. Veränderungen entstehen über Rekonfigurationen der Beziehungen; hierbei ha­benAusschlüsse 40 eine wichtige Bedeutung. Genau dieNeubearbeitung von

35 Ebd., S. 19.

36 Ebd., S. 20.

37 Ebd., S. 43.

38 Ebd., S. 34.

39 Ebd., S. 88, (Kursiv im Original).

40 Ebd., S. 90.

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