Aufsatz 
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung / Tanja Carstensen
Entstehung
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Tanja Carstensen

Ausschlüssen 41 impliziere Möglichkeiten für diskontinuierliche Veränderungen in derTopologie des Werdens der Welt 42 .

Barads Arbeiten und die besondere Aufmerksamkeit auf die Akte der Grenz­ziehung und Unterscheidung, in denen voneinander abgrenzbare Entitäten erst hervorgebracht werden, sowie ein Verständnis von Handlungsfähigkeit als et­was, was in den Prozessen der Abgrenzung (agential cuts) entsteht, d. h. gemeinsam und verwickelt, aber auch in Abgrenzung von den Dingen, kann für einige empirische Beobachtungen des Digitalen und seiner geschlechterrele­vanten Implikationen produktiv gemacht werden. Zum einen ermöglicht Barads Perspektive auf die Handlungsmacht von Dingen und die möglicherweise nach­rangige Bedeutung menschlicher Aktionen eine Variante, die Übermacht digi­taler Technologien zu verstehen und zu konzeptionieren. Wenn sie schreibt: Agentielle Intraaktionen sind spezifische kausale, materielle Vollzüge, an denen ,Menschen 1 beteiligt sein können oder nicht 43 , lassen sich im Anschluss daran Konfigurationen aus Daten, Geräten, Servern, Algorithmen denken, in denen nicht die menschlichen Akteur*innen die entscheidenden Handlungsimpulse setzen und möglicherweise auch nicht die Adressat*innen für Verantwortung sind. Algorithmen, die mit Daten aus menschlichen Verhaltensweisen weiter­rechnen und weitere Aktionen entwickeln, vorschlagen, bestimmte Optionen begrenzen oder gar unmöglich machen, sind dann möglicherweise entschei­dender.

Zum anderen ist Barads Theorie möglicherweise auch für Analysen auf der Mi­kroebene alltags- und arbeitsweltlicher Erfahrungen instruktiv. In den Interviews in Unternehmen, die digitale und mobile Arbeitsarrangements anbieten, um die Alltagsorganisation und damit auch die Zufriedenheit und Motivation der Be­schäftigten zu verbessern, entsteht teilweise der Eindruck, dass die digitalen Geräte (und die damit verbundenen Erwerbsarbeitstätigkeiten und -aufforde- rungen) bereits intensiv mit dem Alltag und dem eigenen Körper verbunden sind, und dass sie erst durch teilweise als sehr bedeutungsvoll dargestellte ak­tive Abgrenzungen abgetrennt werden. Versteht man diese Akte als agentielle Schnitte, wird deutlich, dass Handlungsfähigkeit genau hier liegt: in der Tren­nung des eigenen Körpers von dem allgegenwärtigen Digitalen:Ja, ich muss mich halt disziplinieren, dass ich nicht abends nach der Tagesschau noch mal gucke, ob noch eine E-Mail kam, ja? Oder sonntags, oder wann auch immer, ja?

41 Ebd., S. 95.

42 Ebd.

43 Ebd., S. 74.

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