Handlungsfähigkeit und Geschlecht
[...] Es passiert trotzdem ab und zu. [...] Es passiert! [...] Ja, es blinkt! Es blinkt dann [...] es ist schon echt schwierig, sich da zurückzunehmen und nicht reinzugucken.“ Solche Schilderungen sind kein Einzelfall, auch andere Interviewte beschreiben, wie sie sich damit auseinandersetzen, dass „so eine Abgrenzung schon auch gut“ ist, dass es „wichtig ist, sich zu überlegen, wie oft logge ich mich dann von zu Hause noch mal ein. Oder wie oft gebe ich dieser Versuchung nach, weil der Laptop im Zweifelsfalle zu Hause ist und man ja weiß, man ist ja ruckzuck angemeldet, ne?“ Dass - mit digitalen Technologien - gearbeitet wird, passiert anscheinend von allein, Nicht-Arbeit und sich von dem digitalen Device zu trennen wird hingegen zu einer aktiven Leistung. Dahinter stehen neben dem Verwickeltsein mit dem Digitalen aber auch arbeitssoziologische Dimensionen, die auf einen hohen Identifikationsgrad mit der Arbeit und hochgradig wirksame Subjektvierungsprozesse verweisen . 44
Geschlechterdimensionen sind auch hier zu erkennen, da dieses mit den digitalen Technologien und der damit verknüpften Arbeit Verbundensein sich für wegen Kinderbetreuung Teilzeit arbeitender Personen - und dies sind nach wie vor überwiegend Frauen - komplexer darstellt als für Personen, die lange arbeiten können und wollen: Zum einen ermöglichen die digitalen Technologien ein Verbundensein trotz Kinderbetreuung: „Man ist trotzdem genauso dabei und genauso aktuell wie jemand, der sich dann hier um diesen Tisch setzt. Man kann sich einfach einklinken.“ Zum anderen werden die Abgrenzungen unter diesen doppelten Anforderungen komplizierter, wie im Folgenden gezeigt wird.
Verunsichtbarung von Vereinbarkeitsleistungen, Doppelbelastungen und Arbeitsverdichtungen
Fragen nach Veränderungen von Handlungsfähigkeit lassen sich auch in arbeitssoziologischen Auseinandersetzungen mit Gender und Digitalisierung erkennen; hier geht es vor allem um Fragen von Neubewertungen geschlechtlich konnotierter Tätigkeiten in der Erwerbsarbeit, meist in betrieblichen Kontexten, sowie veränderte Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Fa-
44 Frank Kleemann, Ingo Matuschek, G. Günter Voß: Subjektivierung von Arbeit. Ein Überblick zum Stand der soziologischen Diskussion, in: Manfred Moldaschl, G. Günter Voß (Hg.): Subjektivierung von Arbeit. München, Mering 2003, S. 57-114.
55