Sophie Gerber
schrieben und erfahren eine gesellschaftliche Akzeptanz und Stabilisierung. Ob Technik funktioniert, darüber entscheiden auch relevante soziale Gruppen. Das Konzept der interpretativen Flexibilität geht davon aus, dass Technologien für unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Bedeutungen haben können und es folglich viele Gestaltungsmöglichkeiten gibt. Damit wird der Prozess der Technikgestaltung und -nutzung ebenso wie ihre Bedeutung und Deutung als offen und verhandelbar verstanden. Die abschließende Stabilisierung (closure) begrenzt die Möglichkeiten variabler Zuschreibungen und Bedeutungszusammenhänge allerdings. Um über die Dualität von „Frau“ und „Mann“ hinaus zu denken, ist es notwendig, auch abseits von Konstruktionen, die vermeintlich durch festgelegte Interpretationen einen Abschluss finden, zu denken und diese keineswegs homogenen, von weiteren Differenzierungen durchkreuzten Kategorien eingehender zu hinterfragen. Dabei ist eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten vorstellbar, die nicht nur Personen eines bestimmten Geschlechts Vorbehalten sind und sich je nach Alter, Klasse, kulturellem Hintergrund, sozialem Status usw. unterscheiden können. Intersektionales Denken, d. h. die Einbeziehung weiterer kategorischer Zuschreibungen, trägt dazu bei, Dichotomien zugunsten von Vielfalt aufzulösen . 14
Akteur-Netzwerk-Theorie
Einen weiteren vielversprechenden Ansatz aus der Techniksoziologie bietet die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), die sich gegen eine essentialistische, differenzierende Denkweise, die stabile identitätsstiftende Eigenschaften annimmt, richtet. Vielmehr versteht die ANT Gesellschaft und Technologien als Netzwerk heterogener Elemente und Beziehungen und betont so Flexibilität und Handlungsmöglichkeiten. Sie sind als fluides Konzept zu verstehen, dessen Elemente sich stets neu in Beziehung zueinander setzen, während andere sich auflösen. Flexibel sind auch hier die Interpretationen von Technik durch ihre Nutzerjnnen, die Einschreibungen in Technik auf verschiedene Art und Weise deuten können. Gesellschaft und Gender im Speziellen können so als Ergebnis der Aushandlungen von Akteur_innen gelesen werden, die an der Verknüpfung menschlicher und nicht-humaner Elemente („Aktanten“) zu einem Netzwerk teilhaben.
Bisher hat die ANT sich zwar kaum explizit mit Fragen von Gender auseinandergesetzt, bietet sich aber methodisch für einen Blick auf Gender und Technik an, da sie dynamische Beziehungen betont und starre, strukturelle Vorannahmen zu
14 Vgl. Judith Lorber: Breaking the Bowls. Degendering and Feminist Change (= Contemporary Societies Series). New York 2005.
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