Out of the box
vermeiden weiß . 15 Andererseits kann eine Vernachlässigung der strukturellen Dimension auch bedeuten, diejenigen aus dem Blick zu verlieren, die nicht dem „Standard“ zuzurechnen sind.
Die Akteur-Netzwerk-Theorie begreift die Funktionsweise und Entstehung von Technik und Technologien aufgrund deren Unsichtbarkeit als etwas nicht zu Hinterfragendes und als „black box“. Ich schlage vor, diese „boxes“ nicht nur zu öffnen, sondern „out of the box“, d. h. über sie hinaus, offen und interdisziplinär zu denken. Denn vergleichbar verhält es sich mit den Bedeutungen von Gender: Sie haben sich etabliert, sind zu etwas Üblichem, Eingeübten geworden und bedürfen scheinbar keiner Hinterfragung. An dieser Stelle setzt die Methode an: So wie Technik als selbstverständliche Entität hinterfragt wird, wird Gender nicht als „a priori“ angenommen. So kann die ANT bezüglich Gender als anti- essentialistisches Konzept gelesen werden: Es geht nicht darum, wer was „ist“, sondern um die Frage, welche Handlungen Akteurjnnen und Aktanten miteinander ausführen. Sie handeln in vergeschlechtlichten Strukturen, die sich auch in Dingen materialisieren, aber unterschiedlich gelesen werden können.
doing & undoing gender
Um Technik und Gender zu verstehen, ist also ein genauer Blick auf die Akteurjnnen notwendig. Nützlich dafür sind poststrukturalistische Ansätze: Sie betonen sowohl individuelle Handlungen (agency) als auch zwischenmenschliche Interaktionen und ermöglichen empirische Untersuchungen von Handlungen, aber auch gesellschaftlicher Strukturen und Diskurse . 16 Geschlecht und Gender sind im poststrukturellen Verständnis keine stabilen (biologischen) Essentialismen, sondern sozial konstruiert, besonders durch Per- formanz und Aufführung, Sprechen und Handeln. Nach Judith Butler ist Gender mehr das, was wir tun, als das, was wir sind . 17 Dieses Darstellen von Geschlecht
15 Vivian Anette Lagesen: Reassembling Gender. Actor-Network-Theory (ANT) and the Making of the Technology in Gender, in: Social Studies of Science 42 (2012), Heft 3, S. 442-448.
16 Francine M. Deutsch: Undoing Gender, in: Gender & Society 21 (2007), Heft 1, S. 106-127, hier S. 119.
17 Vgl. Judith Butler, Gender Trouble, siehe Anmerkung 5; für die deutsche Übersetzung vgl. Butler: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main 1991. Butler spricht von „doing gender“, wenn sie den menschlichen Körper als Einschreib- und Projektionsfläche für symbolische Codes beschreibt, die performativ das Geschlecht inszenieren, d. h. im Zuge eines Sprechen und Handeln verknüpfenden Akts. In einer Weiterentwicklung dieses Ansatzes betont Butler die Existenz des Körpers stärker. Allerdings sei der Zugang zu Materiellem immer diskursiv vorgeprägt und die Wahrnehmung beeinflusst von kulturellen Codes, sodass der interpretative Rahmen begrenzt bleibt. Vgl. Judith Butler: Bodies that Matter. On the Discursive Limits of „Sex“. New York 1993.
67