17 Als Teil des Hoheitsapparats soll die Telegrafie in erster Linie der Staatsverwaltung dienen. Telegrafenlinien werden nach politischen Prämissen geplant, Stationen in größeren Städten oft in der Nähe von Behörden wie der Statthalterei eingerichtet. Vorrangige Aufgabe ist die Abwicklung amtlicher Korrespondenz, in Zeiten der Krise auch die Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung. Letzteres wird besonders an der zwischen Wien und Pressburg entstehenden Linie deutlich. Die Stadt Pressburg ist Sitz des ungarischen Landtags. Ihre Anbindung Ende 1847 hat nicht zuletzt den Zweck, Meldungen über aufrührerische Entwicklungen rasch in die Residenzstadt Wien zu transportieren. Die Einsetzung eines kaisertreuen, nichtungarischen Leiters des neuen Telegrafenamts soll das gewährleisten; der Wiener Hof kann sich aber gegen die Ungarische Hofkanzlei nicht durchsetzen. Das verbreitete Misstrauen hat gute Gründe. In vielen Städten Europas herrscht revolutionäre Stimmung. In den italienischen Unruhegebieten, wo die Bauarbeiten an einer südlichen Telegrafenlinie nach Triest in Gang sind, denkt man sogar daran, den Draht streckenweise unterirdisch zu führen, um Sabotageakten vorzubeugen. Im Frühjahr 1848 tritt das Befürchtete ein. In Städten wie Mailand und Venedig, aber auch Wien und Budapest gehen Bürger auf die Barrikaden, um dem absolutistischen Regime Freiheiten abzutrotzen. Im Juni 1848 wird der Korrespondenzverkehr zwischen Wien und Pressburg eingestellt, weil sich das dortige Telegrafenamt dem Kaiser gegenüber illoyal zeigt. Es bleibt bis zum Jahresende geschlossen. 10 Gleichzeitig kommen aus Handelskreisen Forderungen, die Telegrafie für den Fernhandel zu nutzen, vor allem für die Übermittlung von Börsenkursen. Der Rheinländer Karl Ludwig von Bruck, der bisher als Kaufmann in Triest gewirkt hat, wird als Handelsminister nach Wien berufen, um dies umzusetzen. Im Palais Modena in der Wiener Herrengasse, dem Sitz seines Ministeriums, geht ein Telegrafenzentralamt in Betrieb. Von hier aus nimmt das reichsweite Telegrafennetz, das laut kaiserlicher Entschließung entstehen soll, seinen Ausgang. In alle Himmelsrichtungen sollen Linien in die Provinzhauptstädte geführt werden, mit Verbindungslinien untereinander und Anbindungen an Nachbarstaaten. Der„Telegraphenbauinspektor“ Gintl legt Streckenverläufe fest. Der Kostenaufwand für das geplante Netzwerk ist beträchtlich. Im Falle von Freileitungen rechnet man mit knapp einer Million Gulden, bei unterirdischer Verlegung mit eineinhalb Millionen. 11 Um Einnahmen zu erzielen, schlägt Gintl vor, zumindest in beschränktem Umfang private Nutzer zuzulassen. Mitteilungen über Familien- und andere wichtige Privatangelegen-
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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