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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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54 Im Übrigen regt auch der Internationale Telegrafenvertrag an, wichtige Linien nach und nach einheitlich mit Hughestelegrafen auszustatten. 14 Den Preis der Rationalisierung bezahlt so mancher Telegrafist mit seiner Gesundheit. Für den Gewichtsantrieb des Hughestelegrafen muss das 50 bis 60 Kilo schwere Steingewicht, das, an einem Seil hängend, nach unten zieht und so den Apparat antreibt, alle zehn Minuten mithilfe eines Pedals hochgehievt werden. Das ist eine beschwerliche Tätigkeit, die chronische Erkrankungen zeitigt. Gleiches gilt für die überproportional starke Belastung des linken kleinen Fingers, mit dem die erste Blanktaste oft gedrückt werden muss. Dies kann zurTelegraphen-Krankheit führen, einer schmerzhaften Entzündung der linken Hand, im fortgeschrittenen Stadium auch des Arms und schließlich der ganzen linken Körperseite. 15 Die menschlichen Operateure sind die Schwachstellen der entstehenden Korrespondenzmaschinerie. Das steigende Aufkommen in der Residenzstadt Wien ruft Konkurrenten auf den Plan. Vor allem in den Sommermonaten, wenn viele betuchte Stadtbewohner in der Umgebung auf Sommerfrische weilen, ist der Bedarf an Kanälen fürschnelle Mittheilungen groß. Aber auch das wachsende reguläre Aufkommen zwischen der Innenstadt und den Vorstädten ver­langt nach immer mehr Kapazität. Ein ehemaliger Telegrafenbeamter der Kaiserin Elisabeth-Bahn namens Carl Albert Mayrhofer bemüht sich seit geraumer Zeit darum, in der Stadt eine private Telegrafengesellschaft ein­zurichten. Dem LeitspruchTime is money! folgend, sieht er die Vorzüge eines solchen lokalen Netzes mit Stationen in der Nähe von stark frequen­tierten Einrichtungen wie Bezirksgerichten, Polizeikommissariaten, Spitä­lern oder Markthallen darin, schneller arbeiten zu können als der behäbige Staatstelegraf. 16 Seitens des Staatstelegrafen wird jedochzur Wahrung der Staats-Inter­essen und des Monopols hinhaltender Widerstand geleistet. 17 Mayrhofer erhält zwar 1865 eine Konzession für eine Lokaltelegrafengesellschaft, doch kommt das Projekt nicht zur Umsetzung. Jahre später erfolgt ein zweiter Anlauf. Mit 3. April 1869 überträgt er seine Konzession für 25.000 Gulden samt allfälliger Erfolgsprämie an eine Gruppe von Honoratioren. Nun endlich tritt das Unternehmen ins Leben, wenn auch um den Preis der faktischen Auslieferung an den Staatstelegrafen. Am 15. April 1869 wird in der Konstituierenden Sitzung des Verwaltungsrates Karl Zelli zum Direktor gewählt. Zelli ist der bisherige Vorstand des Technischen Departements bei der Staatstelegrafendirektion, wo er für sein nunmehriges Engage­ment auf zwei Jahre beurlaubt wird. Unter seiner Leitung beginnen die Aufbauarbeiten. 18