56 Bahnen“ 20 zukommen. Die Stationen sind allerdings nicht, wie ursprünglich geplant, an zentralen Punkten der Stadt eingerichtet worden, sondern in eher abgelegenen Winkeln. Sie öffnen um 7 Uhr früh und schließen um 9 Uhr abends. Mittags, zwischen 12 und 2 Uhr, werden sie geschlossen, obwohl bei größeren Gesellschaften und Handelshäusern gerade dann„die Post-Expedition und die Telegrafen-Correspondenz“ hinausgeht und auch der„Schluss der Mittagsbörse“ in diese Zeitspanne fällt. 21 Die Erklärung für diese merkwürdige Vorgangsweise liegt wohl darin, dass die staatliche Seite in diesem Bereich Konkurrenz verhindern will. Das Publikum kann Depeschen – oder„Telegramme“, wie sie nach dem Englischen jetzt zunehmend genannt werden – direkt in einer der neuen Stationen aufgeben, brieflich an diese schicken oder in einen der aufgestellten Sammelkästen einwerfen. Die Gebühr wird entweder bar am Schalter entrichtet oder durch Aufkleben von„Privat-Telegraphen-Marken“ auf das Aufgabeformular. Die Höhe des Beförderungstarifs entspricht ebenfalls staatlichen Vorgaben: zwischen zwei Stationen des Lokaltelegrafen sind für eine einfache Depesche mit höchstens 20 Worten 20 Kreuzer zu verrechnen, mit einem Aufschlag von jeweils 10 Kreuzern für alle weiteren 10 Worte. 22 Die neue Gesellschaft wickelt pro Monat zwischen 15.000 und 25.000 Telegramme ab. 23 Warum der Lokaltelegraf nicht vom Staatstelegrafen selbst organisiert wird, 24 hat wohl damit zu tun, durch einen Probelauf herausfinden zu wollen, wie man das wachsende Aufkommen an den Stadträndern möglichst kostengünstig bewältigen kann. Von zentraler Bedeutung dabei ist die Beschäftigung von Frauen, die geringeren Lohn erhalten als Männer, um die Betriebskosten niedrig zu halten. Die nach Absolvierung von Grundkursen in den Stationen der Wiener Privat-Telegraphen-Gesellschaft arbeitenden Telegrafistinnen werden mit monatlich 20 Gulden bei ganztägigem und mit 10 bei halbtägigem Dienst abgespeist. In der noch jungen Arbeiter Zeitung wird die Gesellschaft dafür angeprangert. Sie halte sich 400 Sklavinnen zu„Hungerlöhnen“ und behandle sie unwürdig. Nicht nur, dass für Fehlleistungen Strafgelder bis zu zwei Gulden verhängt würden, würde dieses Geld auf die anderen Telegrafistinnen aufgeteilt, was die Verbreitung von Denunziantentum fördere. 25 Bald danach werden auch seitens des Staatstelegrafen, der mittlerweile bereits um die 2.000 Beschäftigte hat,„Frauenspersonen“ zu dermaßen geringen Löhnen beschäftigt, um Einsparungen zu erzielen. 26 Bewerberinnen müssen mindestens siebzehn Jahre alt und gesund sein, vor allem gut hören und gut sehen, ein„moralisches Vorleben“ und eine mit gutem
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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