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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
Entstehung
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65 übermitteln. Ein Modell aus der Wiener Fabrikation von Alois Bauer und Ferdinand Krebs wirbt damit, die aktuellen Kurse in absolut identischer Form und gleichzeitig an alle Empfänger abzugeben, um Wettbewerbsver­zerrungen auszuschließen. Eine Besonderheit der Ausstellung bildet der chemischeCopirtelegraph von L. Guyot d´Arlincourt, der handgeschrie­bene Nachrichten übermittelt, welchen im Geschäftsverkehr aufgrund der Möglichkeit eigenhändiger Signierung eines Auftrags große Bedeutung zukommt. 5 Am 8. Mai 1873 erfolgt, für Fachkreise nicht unerwartet, der Zusammen­bruch der überhitzten Wiener Börse. Zahllose Kleinanleger verlieren ihr Vermögen. Es kommt zu Tumulten auf der Straße. Bankiers und Direk­toren, die vor dem Börsengebäude vorfahren, werden von einer aufge­brachten Menge misshandelt, ihre Kutschen zerstört. Der Wirtschaftsauf­schwung der letzten Jahre nimmt ein abruptes Ende. Der Anstieg beim Telegrammaufkommen erfährt hingegen nur einen Dämpfer. Am 1. August 1873 tritt eine neue Telegrafenordnung in Kraft. Sie ver­spricht, für einen reibungslosen Dienst samt Wahrung des Telegrammge­heimnisses Sorge zu tragen, wenngleich mit den üblichen Einschränkun­gen, die angesichts des Börsendesasters neue Brisanz erhalten: Die Telegraphen-Verwaltung trifft die geeigneten Vorkehrungen zur Sicherung eines regelmäßigen Depeschendienstes; dieselbe übernimmt jedoch keine wie immer geartete Verantwortlichkeit für jene Nachtheile, welche durch Verlust, Verstümmelung oder Verspätung der Depeschen entstehen könnten; auch leistet sie keinerlei Garantie für die richtige Ue­berkunft der Depeschen, oder deren Ueberkunft und Zustellung innerhalb einer bestimmten Frist. 6 Anders als in den Anfängen sind jetzt zahlreiche Sprachen zugelassen. Die Liste umfasst Armenisch, Böhmisch, Dänisch, Deutsch, Englisch, Flä­misch, Französisch, Griechisch, Hebräisch, Holländisch, Illyrisch(vermut­lich Albanisch), Italienisch, Kroatisch, Lateinisch, Norwegisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch, Ruthenisch, Schwedisch, Serbisch, Slowakisch, Slowenisch, Spanisch, Türkisch und Ungarisch. Der Aufgeber hat den Wortlaut leserlich, verständlich und in deutschen oder lateini­schen Buchstaben zu schreiben. Chiffrierte Privattelegramme aufzugeben, bleibt zunächst noch verboten, wird aber zwei Jahre später erlaubt. 7 Um lange Wartezeiten zu beseitigen, können Telegramme jetzt nicht mehr nur in der Telegrafenzentralstation, sondern auch bei vielen anderen Stationen aufgegeben werden. Dort sind auch die Telegrafenmarken zum