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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
Entstehung
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67 stehen. Im Souterrain sind die für den Linien- wie den Lokalstrom nötigen Batterien untergebracht. Im Parterre befindet sich die Telegrammannah­me. Im ersten und zweiten Stock sind Büros der Direktion angesiedelt, die Telegrafenwerkstätte, der Lehrgang für das Hughessystem und der Post­und Telegrafenlehrkurs, das Telegrafendepot, ein Filialpostamt sowie die Zentrale der Rohrpost, deren Rohrnetz man unter den Straßen der Stadt zu errichten plant. Die für deren Betrieb der Rohrpost nötige Dampfma­schinenanlage bekommt ihren Platz im Keller. Rohre und Leitungen verlau­fen überwiegend unterirdisch von außen ins Gebäude; lediglich manche lokalen Drähte zu den Wiener Telegrafenfilialämtern werden durch die Luft geführt. Im Gebäudekern existiert ein senkrechter Kabelschacht, durch den die Kabel in einen Rangierraum im zweiten Stockwerk geführt werden, wo Vorrichtungen für den Blitzschutz und zur Behebung von Störfällen untergebracht sind. Die Leitungen führen weiter ins dritte Stockwerk, das Nervenzentrum, das nahezu ausschließlich als Telegrafenapparatesaal eingerichtet ist. 11 Hier arbeiten Männer und Frauen unter der Aufsicht eines Inspektors und von fünf Oberkontrolloren und fünfzehn Kontrolloren im Turnusdienst. Der gleichzeitige Einsatz beider Geschlechter ist noch ungewohnt, es gelten strenge Verhaltensvorschriften, um den Anstand zu wahren. So sind alle Bediensteten angehalten, nicht die Haupttreppe zu benutzen, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen, sondern die beiden Nebentreppen, und zwar Männer die eine und Frauen die andere. Im rechten Flügel des Saales befinden sich die Arbeitsplätze der Frauen samt Garderoberäumen, im linken jene der Männer, doch immerhin:außer dem Reglement trennt keine Scheidewand die Arbeitsräume der beiden Geschlechter. 12 In dem hufeisenförmig angelegten Saal, der tagsüber durch Dutzende Fenster und nachts durch zahlreiche Gasflammer erhellt wird, laufen buchstäblich alle Drähte zusammen. Er beherbergt neben elektrisch regulierten Uhren, die für eine einheitliche Uhrzeit sorgen, 36 Hughes­und 84 Morseapparate. Die Hughestelegrafen arbeiten auf bedeutenden Leitungen nach Berlin, Bregenz, Brünn, Frankfurt, Görlitz, Gradiska, Graz, Krakau, Lemberg, Linz, München, Paris, Pest, Prag, Reichenberg, Salzburg, Temesvár und Triest; Morseverbindungen bestehen zu zahl­eichen größeren und kleineren Stationen innerhalb und außerhalb Österreich-Ungarns. 13 Noch dominiert das Morsesystem den Betrieb, doch kommen zuse­hends komplexere Apparatetypen hinzu. Nach dem Hughestelegrafen ist ab 1874 ein Modell des Franzosen Bernhard Meyer in Betrieb. Dieser Apparat macht sich den Umstand zunutze, dass die Telegrafenleitung viel mehr Stromimpulse übermitteln kann als ein Telegrafist an der Mor-