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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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69 seine vollen Kapazitäten nicht ausschöpfen kann. Man kommt im Mittel auf 4 mal 15, also insgesamt 60 Telegramme pro Stunde. Dank eines Versuchs­betriebs in Frankreich weiß man aber, dass durchschnittlich gut 90 möglich sind. Diese Leistung entspricht in etwa dem Doppelten eines herkömmli­chen Hughes- und dem Vierfachen eines Morseapparats. 15 Später werden Meyers Mehrfachtelegrafen auch auf den Linien nach Budapest und Triest verwendet. Zweckmäßigkeit, Haltbarkeit und Bedienungskomfort lassen allerdings zu wünschen übrig. 16 Vor allem die Synchronisation bereitet Probleme. Als Ersatz dient eine österreichische Entwicklung. Es handelt sich um den so genanntenPerfecter des Telegraphen-Commissärs August Eduard Granfeld. Dieser Apparat verfügt ebenfalls über eine Verteilerscheibe, mit deren Hilfe sich Telegrafenapparate zu Mehrfachtelegrafen koppeln lassen, vor allem Hughestelegrafen. 17 1878 wird alternierend zum fehleran­fälligen Meyertelegraf dasHughes-Perfecter-System erprobt und in der Folge zwischen Wien und Prag in Betrieb genommen. 18 In der Zwischenzeit entsteht nach dem Vorbild von Berlin, London oder Paris eine pneumatisch betriebene Rohrpost. Sie soll im Stadtgebiet von Wien den Telegrafen entlasten und Telegramme in unterirdisch verlegten Rohren transportieren, unbehindert durch Fuhrwerke und Kutschen, die zunehmend die Straßen verstopfen. Einer Rohrpostanlage werden mehre­re Vorzüge zugeschrieben. Noch bevor ein herkömmliches Telegramm ab­gesendet, aufgenommen, kuvertiert und zugestellt sei, habe die Rohrpost, derpneumatische Telegraph, schon Dutzende Telegramme befördert. Zudem könnten Briefe im handschriftlichen Original übermittelt werden, was jeden Zweifel über ihre Echtheit ausschließe. Rohrpostbriefe würden zudem verschlossen transportiert, wodurch das Briefgeheimnis garantiert gewahrt bliebe. Auch könnten Geld, Anweisungen und Kurszettel bei­gefügt werden. Es existiere überdies keine Grenze für die Wortzahl und jegliche Textverstümmelung, wie sie beim Telegrammstil immer wieder vorkomme, entfiele. Die Wiener Rohrpostanlage soll mit vorerst zehn Sta­tionen an verschiedenen Plätzen des Stadtgebietes die Beförderung von rund sechs Millionen Nachrichten jährlich erledigen. 19 Trotz angespannter Finanzlage nach dem Börsenkrach wird der Bau be­schlossen. In technischer Hinsicht fällt die Entscheidung für ein System, wie es in Paris bereits realisiert worden ist. Gebaut wird die Rohrpost­anlage von den Unternehmen Felbinger(Wien) und Crespin(Paris). 20 Im Februar 1875 wird sie fertiggestellt. Die Zentrale befindet sich im neuen Telegrafengebäude am Börseplatz, die Stationen sind, soweit möglich, in bestehenden Postämtern angesiedelt. 21 Mit Ausnahme der Station in