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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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80 maßen, die sie annimmt, das Stadtbild verschandelt, und zum anderen weil sie eine ständige Gefahr darstellt. Stürme können die Drähte herun­terreißen und Passanten verletzen, ja töten. Bestätigt wird diese Befürch­tung Anfang März 1901. Es kommt infolge starken Schneefalls zu unzähli­gen Drahtrissen an Telefon- und Telegrafendrähten im Stadtgebiet, zum Absturz von Dach- und Mauerträgern sowie zum Umstürzen von eisernen Masten. Damit nicht genug, spielen sich im Morgengrauen besagten Tages beängstigende Szenen ab. Auf der Lerchenfelder Straße stürzen die Pferde eines Fiakers unvermittelt zu Boden. Der Kutscher muss mitan­sehen, wie aus den Leibern der Tiere Funken sprühen und ihre Köpfe zu brennen beginnen. Ursache dieses grauenvollen Vorfalls ist ein Telefonka­bel, das sich gelöst hat und auf die Oberleitung der Tramway gefallen ist, während die Kutsche die Stelle passiert hat. 14 Die Arbeiter Zeitung fordert angesichts dieses Unglücks, die Leitungen künftig in den Erdboden zu verlegen und unterstellt den zuständigen Behörden Säumigkeit:Oder soll noch ein Tag wie der gestrige kommen. Und sollen vielleicht noch Menschenopfer fallen, ehe man aufgerüttelt wird? 15 1897 sind in der österreichischen Reichshälfte mehr als 24.000 Teilnehmer zu verzeichnen, 16 die Hälfte davon entfällt auf die Metropole Wien. Alleine die Zentrale in der Friedrichstraße ist mittlerweile für 10.000 Abonnenten ausgelegt. Daneben sind auch zwei provisorische Zentralen mit jeweils 1.500 Anschlüssen eingerichtet worden. Zur Abdeckung des wachsenden Bedarfs entstehen zwei Großzentralen samt einem neuen Fernamt zur Ver­mittlung interurbaner Verbindungen. Für jede der beiden Zentralen sind moderne Vielfachumschalter für letztendlich 12.000 Teilnehmeranschlüsse vorgesehen. Wie diese funktionieren, hat man sich in deutschen und skan­dinavischen Städten angeschaut. 17 Nach kurzer Bauzeit nimmt im Februar 1899 die Zentrale in der Dreihuf­eisengasse ihren Betrieb auf. In einer einzigen Nacht werden tausen­de Teilnehmeranschlüsse von der Friedrichstraße in die neue Zentrale übersiedelt, um den Betrieb nur möglichst kurz zu unterbrechen. 18 Im Mai folgt die zweite Telefonzentrale an der Ecke Berggasse/Hahngasse. 19 Die beiden Zentralen sind selbstverständlich miteinander verbunden und auch mit der Fernzentrale, die im Haus in der Berggasse eingerichtet ist, sodass Gespräche untereinander vermittelt werden können. Es sind hunderte Frauen, die zwischen fünfeinhalb und sechs Stunden täglich da wie dort den Vermittlungsdienst erledigen. 20 Die Telefonistinnen sind dazu mit einem so genanntenKopftelefon ausgestattet, bestehend aus einer Hörmuschel und einem am Kleid befestigten Brustmikrofon zum Sprechen. Jede der Telefonistinnen hat rund 50 Anschlüsse zu betreuen.